Theater

Karin Henkel inszeniert "Die große Gereiztheit" nach Thomas Mann im Zürcher Schiffbau

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 10. Mai 2019

Schweiz

"Die große Gereiztheit": Karin Henkel widmet sich in Zürich Thomas Manns "Zauberberg".

Was geschieht, wenn sich eine Gesellschaft vor einer grenzenlosen Überforderung in die Betäubung flüchtet? Diese Frage erörtert Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Karin Henkel hat sich den Stoff jetzt im Zürcher Schiffbau vorgenommen: "Die große Gereiztheit" heißt ihre Bühnenadaption des Prosawerks.

Es wird ein großes Spektakel werden: Mit elf Schauspielern, einer fahrbaren Tribüne und der zirzensisch schrägen Musik der Dead Brothers, mit denen die Regisseurin häufig arbeitet. Leider kann Karin Henkel die Endproben wegen einer Erkrankung nicht mehr selbst absolvieren: Das Ensemble mit der Dramaturgin Viola Hasselberg, die in Freiburg zum Team von Barbara Mundel gehörte, hat die Inszenierung mit einem um vier Tage verschobenen Premierentermin selbst in die Hand genommen.

Das Konzept indes, erklärt Hasselberg im Gespräch, stammt voll und ganz von Henkel, die mit ihrer Zürcher Produktion "Beute Frauen Krieg" zuletzt 2018 zum Berliner Theatertreffen eingeladen war. Gemeinsam mit der Dramaturgin hat sie in wochenlanger akribischer Arbeit eine Bühnenfassung von Thomas Manns in ein Sanatorium eingesperrtem Weltpanorama hergestellt – wohin sich, so Hasselberg, eine selbstvergessene Gesellschaft geflüchtet hat, die "den Schuss nicht gehört hat": den Schuss, der damals den Ersten Weltkrieg eröffnete. Und heute? Leben wir nicht wieder in einer Zeit der Überforderung – durch die Globalisierung, durch das Internet, das uns überall hin verfolgt, durch die großen Probleme der Weltgesellschaft, die fast unlösbar scheinen?

Wenn Henkels Inszenierung "modellhaft über die Gegenwart spricht" (Hasselberg), dann doch nicht im Modus einer forcierten Aktualisierung. Es sei "die Welt von 1914" zu besichtigen – wie bei Mann aus der Perspektive des jungen und naiven Hans Castorf, der bei Karin Henkel von zwei Schauspielerinnen (Lena Schwarz, Carolin Conrad) verkörpert wird. Diese Verdoppelung der Figur macht es möglich, unterschiedliche Aspekte ihres Charakters zu zeigen.

Der eine bezieht sich auf Castorfs Zeiterfahrung, die im berühmten Schneekapitel des Romans kulminiert. Die Zeit verliert im Lauf der Romans ihre Funktion als Ordnungskategorie. Sie löst sich auf und mit ihr der Orientierungssinn nicht nur des Helden, der zunehmend – nicht nur als Individuum, sondern auch als Vertreter seiner Epoche –, die Beziehung zur Welt da draußen verliert. Durch die transportable Tribüne, auf der sie durch die Inszenierung gefahren werden, mögen auch die Zuschauer der "Großen Gereiztheit" in einen gelinden Schwindel versetzt werden.


Termine: Zürich, "Die große Gereiztheit", Schiffbau, Premiere: Mi, 15. Mai, 19 Uhr;
Info: http://www.schauspielhaus.ch