"Nachdenken, wie Zusammenleben geht"

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

So, 07. Juli 2019

Südwest

Der Sonntag Atischeh Hannah Braun und ihre Lesung "Erschlagt die Armen" bei der Freiburger Aktionswoche Lampedusa Calling.

Nach Antworten suchen und mit einheimischen und geflüchteten Menschen an Integration und interkultureller Öffnung der Gesellschaft arbeiten, will die Aktionswoche "Lampedusa Calling". In ihr enthalten ist mit "Erschlagt die Armen" eine Lesung, die den Blick darauf wirft, dass eine Aufnahmegesellschaft auch überfordert sein kann.

So ganz passen will der mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnete, zornige Roman der gebürtigen Inderin Shimona Sinha in eine Reihe, die für Menschen auf der Flucht sensibilisieren will, auf den ersten Blick nicht. Eine junge Frau, selbst Migrantin und als Dolmetscherin in einer Asylbehörde tätig, schlägt einem Migranten in der Metro eine Weinflasche über den Kopf, gerät in Polizeigewahrsam. Shimona Sinha zeichnet – auf ein Prosagedicht von Charles Baudelaire zurückgehend – das Porträt einer Frau, die sich von zwei Seiten in die Enge getrieben sieht. Von ihrer Behörde, der das offensichtliche Leid der Asylsuchenden nicht Anerkennungsgrund genug ist. Aber auch von der Jammerei und den Lügen der Asylsuchenden.

Die Schauspielerin Atischeh Hannah Braun, im Freiburger E-Werk 2017 schon in "Ein Mädchen wie Malala" zu sehen, liest am 13. Oktober von 21 bis 22 Uhr auf dem Freiburger Kartoffelmarkt aus dem Buch; eine Lesung, die später auch in eine Inszenierung (Premiere am 17. Oktober) münden soll. Braun hat bei der Lektüre des Romans fasziniert, dass er weder einfache Lösungsvorschläge noch einseitige Schuldzuweisungen enthält. "Nicht oft hat man das Gefühl, dass jemand einen Missstand so genau erfassen kann", sagt sie. Für Braun enthält das Werk den Auftrag, darüber nachzudenken, wie man zusammenleben kann im Zeitalter großer Fluchtbewegungen.

Gefahr einer Instrumentalisierung?

Aber kann die Botschaft nicht auch gefährlich missgedeutet werden? Nach dem Motto "Seht her, sogar eine Landsfrau kommt mit den ganzen Flüchtlingen nicht mehr klar!" Atischeh Hannah Braun, deren Vater selbst erst als Student aus dem Iran nach Deutschland kam und nach der Islamischen Revolution nicht mehr zurück wollte, sieht die Gefahr einer Instrumentalisierung des Textes durchaus. Aber jede Diskussion über Probleme, die Migrationsbewegungen mit sich bringen, zu unterdrücken, sei der falsche Weg. Um einen Weg zum Zusammenrücken zu finden, müsse auch eine Diskussion über die Art des Zusammenlebens möglich sein.

Zwischenzeitlich übernommen?

Haben sich die Deutschen in ihrem Bedürfnis zu helfen, sich möglicherweise zwischenzeitlich übernommen? "Ein bisschen hat mich die Zeit nach der ersten großen Fluchtbewegung auch an die Zeit nach dem Mauerfall erinnert", meint Atischeh Hannah Braun. "Es sollte alles sehr schnell gehen, Menschen mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen prallten aufeinander, die Wirtschaft schaltete sich auch bald ein und wollte ihre Vorteile von der Entwicklung gesichert wissen." Die Menschen auf beiden Seiten des ehemaligen Grenzzaunes seien dabei in mancher Hinsicht zu kurz gekommen. Ja, dazu gehöre auch die Kritik auszuhalten, wenn es Jemandem vermeintlich zu voll wird. "Aber vor allem gehört dazu, sich kennenzulernen, die Motive des Anderen zu verstehen, zumindest probehalber mal in seine Rolle zu schlüpfen." Dann klappt das mit dem gegenseitigen Verständnis in der Regel meist viel besser.
Erschlagt die Armen, Lesung von Atischeh Hannah Braun, Samstag, 13. Juli, 21 Uhr, Kartoffelmarkt Freiburg.
Lampedusa calling ist ein kunstpädagogisches Integrations-Projekt unter der Schirmherrschaft von Winfried Kretschmann. In Freiburg beteiligen sich vom 13. bis 20. Juli 40 Vereine und Organisationen in über 40 Veranstaltungen an der Aktionswoche auf dem Kartoffelmarkt. Infos und Programm: lampedusa-calling.de