Das Business Pop päppeln

Pascal Cames

Von Pascal Cames

So, 10. November 2019

Rock & Pop

Der Sonntag Kultur trifft Wirtschaftsförderung: Wie Basel und Freiburg Rockmusik unterstützen.

Musik nur, wenn sie laut ist: Seit 25 Jahren fördert in Basel ein Verein die Rock- und Popmusik. Dafür stehen gut 600 000 Franken pro Jahr zur Verfügung. In Freiburg sitzt der Popbeauftragte bei der Wirtschaftsförderung. Von so viel Geld kann er nur träumen.

Was würde ein junger talentierter Musiker in Deutschland machen? Von A nach B rennen, Proberäume suchen, bei Sozialarbeitern und Kulturämtern Klinken putzen und das Internet durchwühlen, immer auf der Suche nach Know-how, Geld, Räumen. Dort würde er vielleicht auf eine interaktive Publikation namens "Rockproof" stoßen. Darin steht alles, was man wissen muss, wenn man Popmusik im weitesten Sinne macht und Erfolg haben will. Wer hat’s erfunden? Die Schweizer natürlich, in diesem Fall der Rockförderverein (RFV) in Basel, der am Mittwoch sein 25-Jähriges feiert.

Der Kanton Basel-Stadt (200 500 Einwohner) muss Musikern wie das gelobte Land vorkommen. Vor 25 Jahren gründeten Musiker, Künstler und andere Kulturschaffende den Rockförderverein als Hilfe zur Selbsthilfe. Der Verein wuchs, es kamen Gelder herein, Politiker setzten sich für die Sache ein, und in schöner Regelmäßigkeit wurden Meilensteine in die Landschaft gesetzt.

So wurde 1997 das BScene-Festival erfunden, das Bands und DJs in der ganzen Stadt Bühnen gibt, 2014 wurde der längste Rap der Welt finanziell unterstützt, ein Buch über die Basler Pop-Szene entstand, ein Bandbus angeschafft, Auftritte auf dem Hamburger Reeperbahn-Festival ermöglicht, 2009 wurde der mit 15 000 Franken dotierte Basler Pop-Preis initiiert, und das Schaffen der Szene wird jährlich auf einer CD dokumentiert.

Zum Jubiläum gibt es allerdings prompt keine Preisverleihung (hier will man sich neu erfinden), dafür feiert sich der Verein. Auf der vorbildlichen Webseite mit Musikerdatenbank, Plattenkritiken, News und vielem mehr findet sich auch Kritik. Von "Provinznabelschau" und "staatlich gefördertem Mittelmass, das niemanden interessiert", ist da zu lesen und "Basel ist ein lahmes Kaff, früher gab’s Basler Rock Wochen mit Nachwuchsbands, heute nur noch irgendwelchen DJ Müll. Was fördert ihr eigentlich?" Dazu der neue RFV-Chef Alain Schnetz: "Das ist selbstironisch und auch ein bisschen subversiv."

"Wir sind getarnte Beamte", sagt der erst 28-jährige Schnetz über sein vierköpfiges Team. Pro Jahr stehen etwas mehr als 600 000 Franken zur Verfügung, bezahlt von den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Land. Für Pop klingt das paradiesisch – der Freiburger Popbeauftragte Thilo Buchholz, der bei der Wirtschaftsförderung angesiedelt ist, hat gar kein eigenes Budget, über Projektförderung stehen aber immerhin 150 000 Euro bereit. In Basel relativieren sich die Verhältnisse allerdings: Die Klassik erhält rund 10 Millionen, der Popanteil am gesamten Kulturbudget liegt bei rund 0,45 Prozent. Mit dem Geld wird vieles auf die Beine gestellt. Über den Regio Sound Credit gibt es jährlich 100000 Franken für Aufnahmen, Tourneen, Tonträger. Dazu kann sich jeder für drei Stunden gratis beraten lassen, ein professionelles Coaching ist auch im Angebot. Basler Konzertorte bekommen zudem einen kleinen Zuschuss, wenn sie Basler Musiker oder Bands ins Vorprogramm nehmen. Der RFV sieht sich als Dienstleister und vernetzt, Konzerte veranstaltet er selbst keine.

Freiburg freut sich über ein Zehntel der Basler Mittel

Alain Schnetz meint, dass immer noch genug zu tun ist und das Geld eigentlich nicht ausreicht. "Es gibt genügend Talente, die aufhören, weil ihnen das Geld fehlt oder das Risiko zu groß ist." Einer, der es geschafft hat, ist Dominik Stämpfli, dessen Label Radicalis auch in Deutschland präsent ist. "Bei uns hat die Unterstützung des RFV immer einen Teil finanziert", sagt Stämpfli, "mal mehr, mal weniger. Die direkte Unterstützung, der Business Support, war natürlich im Vergleich zu unseren jährlichen Ausgaben bescheiden, aber besser als nichts."

So ganz auf der sicheren Seite sind sie in Basel aber nie. Kritisiert wird in schöner Regelmäßigkeit, und beim Pop Geld kürzen zu wollen, gehört zu Basel wie die Fasnacht – die SVP will die Gelder ganz streichen. Dabei zeigt sich oft, wie gut vernetzt der RFV inzwischen ist. 2015 wollte die Regierung den Förderbetrag um 25 000 Franken kürzen, aber die Bildungs- und Kulturkommission des Großen Rats stimmte dagegen, auch eine Petition machte Druck.

In Freiburg blickt man durchweg positiv auf den RFV. "Cool", entfährt es dem Freiburger Popbeauftragten Buchholz (50) spontan, als er vom Jubiläum hört. Als Musiker (The Brothers) und langjähriger Aktivist kennt er Förderprogramme und weiß sein Netzwerk einzusetzen. Einen Bandbus, wie sie ihn in Basel haben, hält er flankierend für sinnvoll. Buchholz freut sich über eine erstmalig breitere Projektförderung im Haushalt, 150 000 Euro sind für die kommenden zwei Jahre eingeplant.

Einer, der beide Städte als Konzertmacher kennt, ist Heinz Darr, früher im Jazzhaus, dann in Basel in der Kaserne und im Volkshaus. "Der RFV ist eine richtig ernsthafte Geschichte", sagt er. Er habe in Basel ein völlig anderes, internationaleres Stadtgefühl erlebt, die Popkultur habe einen viel größeren Stellenwert. Vielleicht liege das auch daran, dass der Verein Multicore von Musikern gegründet wurde, der RFV aber nicht nur in der Hand von Musikern sei. Außerdem zielt der Freiburger Verein auf Rockmusik, während der RFV so ziemlich jede Art von Musik fördert. Wie in Basel planen sie auch in Freiburg eine CD mit Musik aus der Stadt, einen Wettbewerb halten sie nicht für zeitgemäß.

Markus Schuhmacher, Musiker (Äl Jawala) und Booker, sieht in Basel "ideale Bedingungen, die man sich nur wünschen kann". Seine Band Äl Jawala wurden allerdings ohne regionale Förderung überregional bekannt, erst die letzten drei Alben entstanden auch dank der Stiftung "Initiative Musik". Und so manche Tour kam auch nur dank Fördergeldern ins Laufen.

Die Erfolge der Basler Förderung können sich sehen lassen. Getreu dem RFV-Motto "Weil Popmusik aus Basel auch in die Welt raus soll", schaffen es immer wieder Basler Künstler über die Grenze. Anna Aaron, Klaus Johann Grobe, Navel, The Bianca Story, We Invented Paris und Zeal & Ardor kommen aus Basel und waren allesamt RFV-Preisträger. "Musik hat einen kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Mehrwert", sagt Alain Schnetz und freut sich auf die Jubiläumsparty.