Basel

Die 200-jährige Geschichte der Familie Knie erzählt in einer Show

Savera Kang

Von Savera Kang

Mo, 11. November 2019 um 14:25 Uhr

Basel

Der Sonntag Die Geschichte der Zirkusfamilie Knie reicht mehr als 200 Jahre zurück. Ein Knie der sechsten Generation, Rolf Knie junior, bringt Höhe- und Tiefpunkte als Musical nach Basel. Ein Premierenbesuch.

Friedrich Knie springt seinem Vater voller Vorfreude entgegen, um eine Überraschung zu verkünden: Er möchte sein Leben künftig als Künstler führen. Doch der Vater entgegnet dem enthusiastischen Sohn trocken, er solle "lieber mal mit guten Zensuren überraschen". Trotz dieses offensichtlichen Konflikts beginnt hier die Geschichte des späteren Schweizer National-Circus.

Friedrich, gespielt vom ersten Gewinner der Casting-Show "Deutschland sucht den Superstar" Alexander Klaws, bricht sein Medizinstudium ab und schließt sich einer Gruppe reisender Künstler an. Das ist 1803, hier setzt Friedrichs Nachfahre Rolf Knie junior mit seiner Erzählung ein. "Ich wollte keine Dokumentation machen, es soll Unterhaltung sein," sagt Rolf Knie junior nach der Basler Premiere des Musicals über die Familiendynastie in dieser Woche.

Das Zirkusleben musste erkämpft werden

Und so wird die mehr als 200 Jahre zurückreichende Geschichte in zweieinhalb Stunden zuweilen rasant erzählt, da wirbeln Artisten über die Bühne und über das Hochseil, wilde Tiere – gespielt von Menschen – bevölkern die nachgestellte Manege, und wenn alle tanzen (Choreograph Simon Eichenberger hält das Energielevel durchgehend hoch), ist die Bühne an Buntheit nicht zu überbieten (für die rund 200 Kostüme verantwortlich: Stela Verebceanu und Sonja Salado). Das Publikum gibt Szenenapplaus – wie im Zirkus eben, wenn ein besonderes Kunststück gelingt und alle ihre staunenden Münder erleichtert schließen können.

Denn der Autor, Produzent, und Regisseur Rolf Knie junior hat vordergründig zwar ein Musical auf die Beine gestellt, tatsächlich hat er jedoch einen Zirkus auf die Bühne des Basler Musical-Theaters gebracht. Das traditionelle Chapiteau, das Zirkuszelt, ist vom cleveren Bühnenbild (Peter Rothe) zwar nur angedeutet, doch wenn der starke Herkules eine Kanonenkugel im Flug fängt und über die Köpfe der ersten Reihen hinweg jongliert wird, dann ist das im klassisch bestuhlten Theater nicht weniger spannend. Oder wenn Klavier und Spieler plötzlich abheben (Musik: Patric Scott, Martin De Vries und Petra Bonmassar) – "das ist so überraschend", sagt selbst der Regisseur über eine Szene ganz zu Beginn, die er zu seinen liebsten Momenten im Musical zählt.

Und dann ist da noch die Familiengeschichte. Auch heute ist die Entscheidung für ein Zirkusleben mitunter eine schwer vermittelbare – wie schwierig sie für Friedrich gewesen sein muss, wird eindrücklich spürbar, als dieser erst nach vielen Jahren wieder seinen Vater in die Arme schließen kann. Dass dieser dann doch stolz auf seinen Sohn und dessen "Arena Knie" ist, das kann er im Stück zu seinem eigenen Bedauern erst nach dessen Tod aussprechen (Texte: Peter Pfändler).

"Meine Generation war sicher freier als der erste Knie", sagt Rolf Knie junior und erzählt: "Gaukler waren ja in der Gesellschaft nicht akzeptiert, das war eine Randgruppe. Aber auch ich habe von meinem Vater immer gehört: ,Wir müssen noch korrekter leben, noch korrekter handeln, weil wir Artisten sind – das ist kein seriöser Beruf.’" Und der 1949 in die Zirkusfamilie geborene Rolf Knie junior habe sich ebenfalls befreien müssen, wenn auch aus anderen Zwängen: "Die Tradition wollte es so, dass der Stamm vom Fredy Knie immer mit Pferden und mit Tieren gearbeitet hat. Und ich bin dann da ausgebrochen und habe plötzlich Clown gemacht", sagt er über seine Zeit in der Manege. An den Applaus habe er sich von Kindesbeinen an gewöhnt, "sehr sogar – du arbeitest für den Applaus", verrät Knie. Doch irgendwann kam für ihn die Zeit, von der an die Schauspielerei und die Malerei sein Lebensmittelpunkt sein sollten. "Und im Moment bin ich einfach stolz, wenn meine Schauspieler und Sänger den Applaus ernten. Ich brauche ihn nicht mehr", sagt Rolf Knie junior über seine Regiearbeit. Indirekt bekommt er so natürlich auch Beifall, bei der Basler Premiere zum Schluss sogar stehende Ovationen.

Viele Zirkusse müssen um die Existenz bangen

"Die Darsteller sind überglücklich", berichtet er anschließend aus dem Backstage-Bereich. Dass die Schauspieler mit den Artisten eine Einheit ergeben würden, war nicht selbstverständlich: Wenn man Rolf Knie junior zuhört, könnte man meinen, die Musical- und die Zirkuswelt wären zwei sich fremde Planeten. Doch sie haben sich angenähert: "Die Schauspieler sind zum Teil in Artisten- und Zirkusschulen gegangen, und die Artisten sind in Tanz- und Sprachschulen gegangen. Die haben sich gegenseitig befruchtet und voneinander gelernt."

Denn auch wenn Rolf Knie junior heute vermehrt hinter den Kulissen zu finden ist: Mit seinem Zirkus "Salto Natale" ist er der Familientradition treu geblieben. Und hat zugleich einiges neu gemacht: Sein Zirkus funktioniert "ohne Tiere, mit Sängern, Live-Band, Tänzern . . . das ist Musical, Theater, Zirkus kombiniert. Da hab ich die letzten 15 Jahre viel Erfahrung gesammelt", erzählt er. Dabei war die Sorge im Zirkus in den 1960er Jahren groß, das Fernsehen könnte ihm seinen Rang ablaufen, wie man im Musical erfährt. Doch: "Es gibt ja keine Unterhaltung, die dem Zirkus ähnlich ist", sagt Knie. Und so habe der Schweizer National-Circus Knie auch diese Zeit überlebt. Dass jedoch viele Zirkusse auch heute um ihre Existenz bangen müssen, ist kein Geheimnis. Woran es jetzt liegen könnte? "Die Mentalität macht dem Zirkus Konkurrenz: Man kann ja alles konsumieren, man muss gar nicht mehr raus, wird bequem", beschreibt Rolf Knie junior seine Beobachtungen. Die Befürchtung: "Ich glaube, dass man sich nicht mehr interessiert für die Poesie des Körpers, für Artistik." Doch: "Dafür sind wir kreativen Köpfe ja da. Wir versuchen, dem gegenzusteuern."
Info

Circus Musical von Rolf Knie, unter anderem mit Florian Schneider, Alexander Klaws, Judith Jandl und Peter Brownbill, noch bis 14. Dezember im Basler Musical-Theater, nächste Vorstellungen: Heute, Sonntag, 10. November, 14 und 19 Uhr; Mittwoch, 13. November, 20 Uhr. Alle weiteren Termine, Infos sowie Karten, ab 48 Franken, auf http://www.kniemusical.com
Der Sonntag verlost unter allen, die heute unter 0137/ 80 80 130 anrufen (50 Cent pro Anruf aus dem Festnetz), dreimal zwei Karten für die Vorstellung "Knie – Das Circus Musical" am Mittwoch, 27. November, um 20 Uhr im Musical-Theater Basel, Feldbergstrasse 151.