Die Zeit ist reif für Zorn

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

So, 10. November 2019

Literatur & Vorträge

Der Sonntag Ein Mann unter vier Frauen: Wer bekommt heute den Schweizer Buchpreis?.

Auf dem Literaturfestival Buch Basel wird heute der Schweizer Buchpreis vergeben. Der Sonntag stellt wie immer die fünf nominierten Werke vor und wagt eine gewagte Prognose.


Die unhaltbaren Zustände, die Alain Claude Sulzers neuem Roman seinen Titel gegeben haben, lassen sich von zwei Perspektiven aus betrachten. Einmal von der Warte Stettlers, für den das Jahr 1969 zweifellos den Untergang des Abendlandes markiert, das andere Mal von Bleicher, der für die neue Zeit steht. In Sulzers Roman redet man sich mit dem Nachnamen an, Frauen werden mit "Fräulein" angesprochen. Allein bei der Radiopianistin Lotte Zerbst wird eine Ausnahme gemacht. Radiopianistin ist ein Wort, das Leser aus der Gegenwart katapultiert. Ein anderes wäre Warenhaus, denn dort arbeiten Stettler und Bleicher als Schaufenstergestalter. Mit dem feinen Unterschied, dass Bleicher aus Dekoration ein Happening der Pop-Art zu machen weiß, während Stettler heillos für die alte Zeit steht. Sulzer rahmt den Plot, der beinahe eine Liebesgeschichte zwischen Stettler und Lotte Zerbst geworden wäre, in einen Schulaufsatz ein. Nach den Ferien soll der 16-jährige Ich-Erzähler von dem "erinnerungswürdigsten Ereignis" berichten, es geschieht im Schaufenster des besagten Warenhauses. 1969 war auch Sulzer 16 Jahre alt. Der Roman ist eher eine ausgebreitete Novelle, was den Spaß am Lesen nicht schmälert.
Prognose: Mit Sulzer ist es wie mit einem ewigen Literaturnobelpreiskandidaten, nach 2012 ist er das zweite Mal nominiert, wird aber erneut leer ausgehen.

Annette Hoffmann
Alain Claude Sulzer "Unhaltbare Zustände", Galiani-Berlin, 22 Euro.

Spricht man statt von Nachkommen von Nachkommenden, geht mit der leichten Verschiebung eine Beklemmung einher. Ist man Nachkommende, steht man in der Verantwortung einer Generationsreihe – und zwar an ihrem Ende. Nachkommen klingt da vergleichsweise unbeschwert. Wie die Ich-Erzählerin ihres Debütromans "Die Nachkommende", so stammt auch Ivna Žic aus Zagreb und wuchs in der Schweiz auf. Žic hat Theaterwissenschaft, Schauspiel und Szenisches Schreiben studiert und war in der Spielzeit 2012/13 Teilnehmerin am Schweizer Programm Stücklabor.
Die Migrationserfahrung vollzieht die Erzählerin durch Reisen und Tagträume nach. Einmal begrüßt sie die Zürcher, als sie wieder einmal übernächtigt aus einem Reisebus aussteigt, mit "guten Morgen liebe Eidgenossen, ihr eingeschlafenen Körper ohne Kriege". Von Menschen, die im ehemaligen Jugoslawien geboren wurden, lässt sich dies kaum behaupten. Wer nachkommt, ist, um in der Gegenwart zu leben, immer schon zu spät dran. Da ist die Familie, die erwartet, dass die Enkelin ihre Sommer in der alten Heimat verbringt. Da ist der verheiratete Geliebte in Paris, der der jungen Frau vorgibt, wann sie zusammen sein können. Es geht in "Die Nachkommende" um den großen Packen Identität als Liebende, Tochter und Enkelin. Man ahnt, wer hier auf der Strecke bleibt.
Prognose: Auch wenn die Sprache als Kunstwerk an die Stelle gelebten Lebens tritt und Heimat und Herkunft bei Saša Stanišic preiswürdig waren, wäre der Preis eine echte Überraschung.

Annette Hoffmann
Ivna Žic "Die Nachkommende", Matthes & Seitz, 20 Euro

Springt sie oder springt sie nicht, das ist hier die Frage. Oder ist sie nicht überhaupt schon gesprungen, das Ganze ein Rückblick? Gesichert ist außer der Gegenwart dieser jungen Frau, die auf dem Dach eines kleinstädtischen Mehrfamilienhauses steht, in Simone Lapperts zweitem Roman "Der Sprung" wenig. Polizei und Feuerwehr gehen von einem bevorstehenden Suizidversuch aus, Schaulustige beziehen Position. Gleichzeitig webt die Autorin an einem dichten Netz von Lebenslinien, in die die Frau auf dem Dach irgendwie hineinspielt. Den Überblick zu behalten, ist angesichts der schieren Vielzahl von Individuen nicht immer einfach, aber auch nicht nötig. Die Perspektiven wechseln ständig und verändern sich mit Blick auf Manu, die Dachbesetzerin, die ab und an mit Ziegeln wirft.

Wie und in welcher Form die anderen zu ihr in Beziehung stehen, erhellt sich erst nach und nach. Klar ist die Situation nur bei Finn, dem Fahrradkurier, der Manu liebt. Bei Felix, dem um Deeskalation bemühten Polizisten, der von der eigenen Vergangenheit eingeholt wird, stehen die Dinge ebenso anders wie bei den längst zahlungsunfähigen Ladenbesitzern Theres und Werner, denen die Frau auf dem Dach zu nie geahnten Umsatzsprüngen verhilft. Noch einmal dramatisch anders steht es sowohl um Edna, die die Polizei gerufen hat, als auch um Egon, den Hutmacher, der sein Leben im Schlachthof fristet. Das Karussell der Charaktere könnte sich unendlich weiterdrehen. Die Autorin hat anderes im Sinn. Ihre Figuren tauchen wieder ab, wie sie aufgetaucht sind, und ausgerechnet Manu ist man am Ende am wenigsten nahe gekommen.
Prognose: Dass er sich eine Spur zu flüssig liest, könnte dem Roman für den Preis im Weg stehen. Annette Mahro
SIMONE LAPPERT "Der Sprung", Diogenes, 22 Euro

Sibylle Berg versteht sich auf Titel: "GRM. Brainfuck", das sitzt. Brainfuck ist eine Programmiersprache und Motto; GRM, also Grime ("Dreck"), eine wütende Punkmucke, die ihre vier jungen Protagonisten ab und an hören, die aber längst kommerzieller Scheiß geworden ist. Hannah, Don, Peter und Karen sind Outlaws, Kinder mit Todeslisten, alle auf ihre Weise schrecklich misshandelt, die sich in einem Post-Brexit-England finden, einem totalen digitalen Überwachungsapparat unerträglicher Lieblosigkeit. Alles ist privatisiert und gehört den Chinesen, die Gesellschaft ist abgeschafft, bevölkert von zynischen Eliten, wo Drohnen jeden Schritt überwachen, den "freiwillig" implantierte Datenchips nicht schon an das Sozialpunktesystem verraten. Die Eliten sind zynisch, wer noch was kann, ist dank Endgeräten längst gefügig, die übrigen "Leute", sind unverwertbarer Abschaum. Männer, klar, bleiben hormondebile Monstren. Doch "GRM" ist nicht einfach eine trostlos erbärmliche Dystopie. Dafür ist es zu vollgestopft mit Realität, vom brennenden Grenfell Tower über echte Vergewaltigergangs bis zu Schweizer Sozialdetektiven. Wie in der Netflixserie "Black Mirror" denkt Berg vorhandene Technik und Strömung einen kleinen Schritt weiter – und lässt dabei aber auch gar nichts aus. Immerhin gibt es neben der "Freiheit, billigen Scheiß zu kaufen und zu ficken" noch eine Gruppe Nerds, die die Revolution herbeihackt – und Karen, die ihren eigenen Plan verfolgt. Zugleich läuft im Hintergrund heimlich noch ein ganz anderer Plot, der die Wege von Herren und Menschen vollends gescheitert dastehen lässt.

"GRM" wirkt aus Rumpfbiografien, Erzählansätzen, Zettelkasten und Essaypassagen recht grob zusammengehauen und entwickelt auf 630 Seiten keine echten Charaktere. Das ist oft nervig, aber auch zum Schreien witzig, zum Heulen schmerzhaft und voll echter Wut. Niemand schreibt so wuchtig und unerbittlich gegen digitale Selbstauslieferung, Schwachsinn und Kommerzialisierung, gegen Anpassungswahn und Verrohung an wie Sibylle Berg – zu welchem Preis auch immer. Da kann man schon mal Danke sagen.
Prognose: Nachdem 2012 das Establishment beruhigt werden musste, kann der Preis dieses Mal an Berg. René Zipperlen
Sibylle Berg "GRM. Brainfuck", Kiepenheuer & Witsch, 25 Euro


Missverstanden wird in Tabea Steiners Debütroman "Balg" so ziemlich jeder, allen voran das Kind, das im Zentrum steht und schnell zum im Titel genannten Störfaktor wird. Gleichzeitig geht es um die Projektion einer diffusen Schuld. Ohne klare Konturen bleibt vieles, auch das Dorf, in das die jungen Eltern vor Timons Geburt und noch gewappnet mit vielen guten Vorsätzen gezogen sind. Von hier an verläuft die Geschichte im Zeitraffer. Die Eltern trennen sich früh, Antonia, die mit dem Kind zurückbleibt, ist bald überfordert, nicht zuletzt mit sich selbst. Im Dorf lebt auch Valentin, einst Lehrer, heute Postbote und selbst von Frau und Kind verlassen. Als Einziger in diesem Umfeld begegnet er dem Jungen offen und vorsichtig liebevoll. Der Mutter ist der alte Lehrer indes verhasst, weshalb genau, wird nie ganz klar.

Permanent lastet auf allem die bleierne Schwere des Ungesagten. Wirkliche Nähe kommt nirgends auf, das Kind reagiert entsprechend und schlägt schon im Kindergarten um sich. Das durch Mark und Bein gehende Gebrüll des Säuglings liest sich im Rückblick wie eine Ankündigung. Ausgerechnet Valentins Stallhasen hat der Junge in seinem Ungestüm noch aus Versehen getötet, das nächste Unglück provoziert er mit voller Absicht. Steiners Figuren agieren jede für sich in einer Art Kokon. Alle sind sie Verlorene und Opfer nicht näher benannter Geschehnisse in der Vergangenheit. Mit ständigem Perspektivwechsel gewährt die Autorin ihren Lesern jeweils bruchstückhaften Einblick in die Gefühlswelten ihrer Figuren. Wenigstens für zwei von ihnen gibt es Hoffnung.
Prognose: Noch ausbaufähig. Die Nominierung ist aber ein verdienter Achtungserfolg.

Annette Mahro
TABEA STEINER "Balg", Edition Bücherlese, 27 Euro