Beispiel Schwäbische Alb

Rückkehr der Nager - der Biber ist wieder da

Christine Keck

Von Christine Keck

Mo, 09. Mai 2016

Südwest

Sie galten als ausgestorben, doch nun sind die Biber wieder da – und verärgern mit ihren Bauten die Anlieger von Bächen.

Es ist das Herz, das Matthias Zapf zu schaffen macht. Diese Brustenge, die ihm zusetzt, seit er eingesehen hat, dass er verloren hat. "Gegen den Biber bin ich machtlos, das weiß ich inzwischen", sagt der 65-jährige Kaufmann und führt über sein idyllisch gelegenes Grundstück in Gomadingen auf der Schwäbischen Alb. Die Lauter plätschert an seinem Wohnhaus mit der überdachten Terrasse und der ehemaligen Spinnerei vorbei. Ein Holzsteg verbindet die Wiesenflächen.

"Schauen Sie genau hin, hier sieht es wüst aus", schimpft Zapf. Von den ehedem hochgewachsenen Pappeln am Bachsaum stehen nur noch angenagte Stämme. Schlammige Furchen durchziehen den Boden, als ob Traktoren den Garten gequert hätten. Alle paar Tage steigt Zapf in die Anglerhose, um schubkarrenweise Geäst und Steine aus dem Bach zu räumen. Denn von den wiederholten Überschwemmungen hat er genug. Bei der bisher letzten kurz vor Weihnachten stand das Wasser fast einen halben Meter hoch. Das Parkett in den Firmenräumen ist noch immer leicht gewellt.

All das ist das Werk ungeliebter Nachbarn: Der Biberfamilie, die ein paar Meter bachabwärts ihre Burg errichtet hat, aus Ästen und Gräsern, Steinen und Schlamm. Vor ein paar Jahren hat sich Zapf noch gefreut über die Wildtiere, die zurückgekehrt waren ins Lautertal, aber das hat sich längst geändert. "In bestimmten Fällen muss geschossen werden dürfen", sagt Zapf. Er hat nicht nur gesundheitliche Probleme, sondern auch viele tausend Euro Schaden an Gebäuden und Gartenflächen, die ihm keiner ersetzt. "Es gibt nicht nur die Bedürfnisse des Bibers, wir Menschen sind ja auch noch da", sagt er. Er hat sich entschlossen, von Gomadingen wegzuziehen.

Es sieht nicht gut aus für Matthias Zapf und seine Forderungen, denn der Biber ist streng geschützt und nach seiner Ausrottung durch die Jagd gezielt wieder angesiedelt worden. Zumindest in Bayern. Dort hatte der Bund Naturschutz Mitte der 60er Jahren begonnen, die Tiere entlang der Donau auszusetzen, wo sie sich munter vermehrten und in die Täler der Nebenflüsse zurückkehrten. Die Biber scherten sich wenig um Grenzen und wanderten alsbald in Baden-Württemberg und vielen anderen Bundesländern ein. Rund 18 000 sind mittlerweile in Bayern und 3500 in Baden-Württemberg heimisch, schätzen die Experten und preisen die Rückkehr der Biber, weil sie durch ihre Baukünste begradigte Flusslandschaften renaturieren und wertvolle Biotope schaffen.

Ein paar Biber weniger wären dem Gomadinger Bürgermeister Klemens Betz und manchen seiner Kollegen im Land aber ganz recht. Von seinem Büro im Rathaus aus kann er abends die Tiere in der Lauter schwimmen sehen und fühlt sich von ihnen regelrecht an der Nase herumgeführt. "Der Biber ist oft hartnäckiger und schlauer als die Biberberater", das habe er schmerzlich lernen müssen. Der Bürgermeister erzählt von den ungeahnten Herausforderungen, die der anfangs erwünschte Nager im Großen Lautertal bereitet. "Uns steht das Thema hier", sagt er und zeigt mit der Handkante zum Hals.

Vom Biber angeknabberte Bäume seien nicht mehr standsicher und kippten einfach auf die Straße. Überhaupt macht sich Betz Sorgen um den Baumbestand im Lautertal und um die Attraktivität des ganzen Tals. "Die Touristen wollen eine schöne Landschaft, da darf es nicht aussehen wie bei Hempels unterm Sofa", sagt der Bürgermeister. Die vielen umgestürzten Bäume stören ihn, erst recht die Überflutungen durch die Biberdämme.

Gemeinsam mit seinen Amtskollegen im Lautertal will Betz deshalb nach Lösungen des oft schon seit Jahren andauernden Konflikts suchen. "Der Biber ist ein Indikator für eine intakte Landschaft und deshalb vielerorts, aber eben nicht überall erwünscht", sagt er. Er setzt sich dafür ein, dass an neuralgischen Punkten wie im Garten von Matthias Zapf geschützte Biberdämme mit Genehmigung der Naturschutzbehörde entfernt werden dürfen. Auch fordert er einen Entschädigungsfonds, wie er in Bayern längst besteht, auch für Baden-Württemberg. Bauern oder Teichwirte erhalten so in Bayern Ausgleichszahlungen für Schäden. Für Privatleute oder Kommunen gibt es allerdings auch dort keinen Cent. "Auch wir Kommunen dürfen nicht auf unseren Kosten sitzen bleiben, die durch Biberaktivitäten entstehen", sagt Betz.

Um solche Konflikte zu vermeiden, werden überall in Baden-Württemberg Biberexperten eingesetzt. Sie vermitteln zwischen Behörden und Bürgern, leisten Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit. Einer der zwei ehrenamtlichen Biberberater im Kreis Reutlingen ist Niels Hahn. Der Wildbiologe wird angerufen, wenn ein Nager beispielsweise in der Kanalisation sitzt, oder wenn es darum geht, Bäume vor dem Verbiss zu retten. Dann wickelt er Edelstahlmaschendraht um den Stamm oder empfiehlt Elektrozäune.

Der 49-Jährige in Wanderstiefeln und Outdoorhose versteht den Unmut der Grundstückbesitzer, deren Bäume in kürzester Zeit gekappt werden. Aber er sieht auch, dass umgestürzte Weiden wieder kräftig austreiben und sich der Baumbestand somit verjüngt. "Der Biber ist ein Landschaftsgestalter und kein Landschaftszerstörer", wirbt Hahn für das Tier.

Zum Beleg führt er seinen Besuch an einen Flecken, der romantischer kaum sein könnte. Der Wolfgangsee liegt nur vier Kilometer von Gomadingen entfernt und wird vom Dolderbach gespeist. Einst angelegt als Tränke für die Pferde des Marbacher Haupt- und Landesgestüts, ist er ein Refugium für allerlei Tier- und Pflanzenarten geworden, und das nicht zuletzt dank der Biber, die am Rande des Tümpels ihre Wohnburg gebaut haben. "Das ist das ideale Brutbiotop für Fischarten und Wasserinsekten", schwärmt Hahn und blinzelt in die Frühlingssonne. "In den Sommermonaten sehen Sie hier Eisvögel."

Aus dem See ragt horizontal ein dickes Plastikrohr. Wasser fließt daraus aber nicht mehr. Es wurde angelegt, weil die Biber im Wolfgangsee in den vergangenen Jahren viel Unmut hervorriefen: Ein Biberdamm staut das Wasser im grünlich schimmernden See auf. Anstatt in den Dolderbach abzufließen, flutet es die umliegenden Wiesen – und könnte gefährlich werden für den nahen Bahndamm.

"Ich habe deswegen überhaupt keine Angst – meine Kinder fahren ständig mit der Bahn", sagt Hahn. Er rät dazu, das Problem etwas niedriger zu hängen. "Das war hier schon immer eine Talaue. Die Nässe ist ständig da und der Bahnkörper bereits ertüchtigt worden." Nichtsdestotrotz müsse das Gelände weiterhin im Fokus bleiben. Hahn rät, das Rohr, das als Abflusskanal gedacht ist, aber von den Bibern immer wieder verstopft wird, noch einmal zu verlängern.

Ob das hilft, müsste ausprobiert werden. Aber der Gomadinger Bürgermeister hat nach diversem Hickhack keine Lust mehr zu weiteren Experimenten. "Es ist eine Verarschung sondergleichen", ärgert sich Klemens Betz. "Jedes Mal, wenn wir die Konstruktion nachgebessert haben, hat sich der Biber wieder etwas einfallen lassen, um das Rohr erneut zu verstopfen."

Seine Mitarbeiter im Bauhof weigerten sich mittlerweile, an dem Rohr herumzudoktern, und wollten auch nicht mehr weiter an den See fahren, um mit Schaufeln den Biberdamm abzutragen. "Als Ultima Ratio muss halt mal ein Biber geschossen werden", sagt Bürgermeister Betz. Er hält es für sinnvoll, den Biber wie in Bayern ins Jagdrecht aufzunehmen. Jedes Jahr werden dort 1285 Biber, die sich etwa in der Nähe von Kläranlagen aufhalten, getötet.

Für den Biberberater Niels Hahn ist das eine denkbar schlechte Lösung angesichts der Gewohnheiten der Nager. "Selbst wenn man die ganze Familie tötet, wird es nicht lange dauern, bis die nächste den See besiedelt", sagt Hahn. Er wünsche sich mehr Gelassenheit in der ganzen Debatte. "Denn in 99,9 Prozent der Fälle haben wir keinen Ärger mit den Tieren", sagt er, "sondern freuen uns, wenn wir in der Dämmerung mal einen Biber beobachten können."