Steigende Lebenserwartung

Bundesbank spricht sich für Rente mit fast 70 Jahren aus

Rolf Obertreis und dpa

Von Rolf Obertreis & dpa

Di, 22. Oktober 2019 um 08:28 Uhr

Wirtschaft

Deutschlands Arbeitnehmer werden künftig womöglich noch länger arbeiten müssen, bevor sie in Rente gehen können. Die Bundesbank prescht nun vor.

Langfristig werden die Menschen in Deutschland immer später in Rente gehen müssen. Der Grund ist die steigende Lebenserwartung. In ihrem Monatsbericht rechnen die Notenbanker vor, dass 2001 geborene Bundesbürger erst im Jahr 2070 mit dann 69 Jahren und vier Monaten in Ruhestand gehen sollen.

Bislang ist vorgesehen, dass das Renteneintrittsalter bis 2031 schrittweise auf 67 Jahre steigt. Weitere Planungen gibt es nicht. Die Bundesbank schreibt nun: "Mit der aktuellen Vorausschätzung zur Lebenserwartung stiege bei einem solchen Ansatz das gesetzliche Rentenalter ab 2032 um durchschnittlich einen dreiviertel Monat pro Jahr. Der Geburtsjahrgang 2001 ginge dann ab Mai 2070 mit 69 Jahren und vier Monaten in Rente".



In den vergangenen Jahren sei die Finanzlage der gesetzlichen Rentenversicherung zwar relativ entspannt gewesen, schreibt die Bundesbank. "Durch die demografische Entwicklung gerät die umlagefinanzierte gesetzliche Rentenversicherung künftig aber unter erheblichen Druck, insbesondere ab Mitte der 2020er-Jahre." Dann trete die Baby-Boomer-Generation in den Ruhestand. Nach Ansicht der Bundesbank ist deshalb der Blick über das Jahr 2031 wichtig. Dabei wäre ein Ansatz, das Rentenalter systematisch mit der steigenden Lebenserwartung zu verknüpfen. Das würde laut Bundesbank bedeuten, dass das Rentenniveau nicht zu stark sinkt. Derzeit liegt das Rentenniveau bei 48 Prozent eines Durchschnittseinkommens. Liegt das Rentenalter 2070 bei 69 Jahren, wären es laut Notenbank 43 Prozent. Wird das Rentenalter nicht angehoben, sinke das Niveau auf 40 Prozent. Das jüngste Rentenpaket der Bundesregierung sichert bis 2025 ein Niveau von 48 Prozent. Auf Basis der Simulationen der Bundesbank steigt aber auch der Beitragssatz von 18,6 auf eine Größenordnung von 24 Prozent.

"Bereits die Rente mit 67 war ein Fehler." Annelie Buntenbach
Bei SPD, Grünen und Linken stößt der Vorstoß auf wenig Gegenliebe. "Ein höheres Renteneintrittsalter halte ich für falsch", sagte SPD-Fraktionsvize Katja Mast dem Handelsblatt. Der Grünen-Rentenpolitiker Markus Kurth sagte: "Wir brauchen eine Strategie für ein gesünderes längeres Arbeiten und keine Rente mit 69 für alle. Ohne Lösung für die Menschen, die nicht bis 67 im Beruf durchhalten, ist eine Diskussion um die Rente mit 69 eher gefährlich als hilfreich."

Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch forderte, die Beitragsbasis für die Rentenkasse zu verbreitern: "Statt ein höheres Eintrittsalter zu fordern, müssen die Einnahmen der Rentenkasse erhöht werden."

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisiert den Vorschlag der Bundesbank. "Bereits die Rente mit 67 war ein Fehler", sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Schon heute würden viele ältere Arbeitnehmer nicht das gesetzliche Rentenalter erreichen. "Sie werden oft vorher arbeitslos oder chronisch krank und retten sich nach Bezug von Arbeitslosengeld I und II oder Krankengeld nur mit Mühe in eine vorgezogene Altersrente mit Abschlägen", sagte Buntenbach. "Diejenigen, die dieses rettende Ufer nicht erreichen, fallen zumeist ins Hartz-IV-Regime und infolgedessen oft in Altersarmut."