"Darf ich Ihnen meine Karte geben?"

Anna Ringle

Von Anna Ringle (dpa)

Mo, 28. Oktober 2019

Wirtschaft

Bei Geschäftstreffen und auf Tagungen werden Visitenkarten auch heute noch rege ausgetauscht – die gedruckten Kärtchen trotzen der Digitalisierung im Job.

BERLIN. Kommunikation im Job läuft heute ganz anders als noch vor wenigen Jahrzehnten. So mag es etwas verstaubt wirken, wenn der Geschäftspartner eine gedruckte Visitenkarte zückt. "Darf ich Ihnen meine Karte geben"? Doch die Kärtchen trotzen der Digitalisierung.

Lars-Peter Leu hat sich mit der kleinen Berliner Werkstatt "Volle Kante" auf Visitenkarten spezialisiert. Mit alten Maschinen und Messingplatten produziert er Kärtchen mit Prägungen und Folienschnitt. Dabei wird Folie an den Kanten aufgetragen. Schwarze Visitenkarten schimmern an den Rändern dann zum Beispiel silbern oder golden. Die Nachfrage sei steigend, die Zahl der Mitbewerber auch, sagt der 35-Jährige. Viele seiner Firmenkunden kämen aus der Kosmetikindustrie. Aber auch ein Gas- und Wasserinstallateur, der Luxusbäder anbietet, oder Grafikagenturen und Architekten seien darunter. "Die Visitenkarte ist ein Aushängeschild", sagt er. Dafür seien Firmen bereit, auch etwas mehr zu zahlen.

Wie viele Visitenkarten in Deutschland jährlich gedruckt und vertrieben werden, ist unklar. "Die Menge der in Deutschland gedruckten Visitenkarten lässt sich nicht bestimmen", heißt es beim Bundesverband Druck und Medien. Neben Geschäften wie dem von Leu und Druckereien hat sich im Internet eine breite Zahl an Anbietern etabliert.

Von der Online-Druckerei Vistaprint heißt es, die Nachfrage nach gedruckten Visitenkarten steige, insbesondere im Premium-Segment. Dazu gehörten hochwertige oder außergewöhnliche Papiersorten, Veredelungen oder neue Formate. "Dabei steigt sowohl die Anzahl an gedruckten Visitenkarten, als auch die Anzahl der Druckaufträge, was dafür spricht, dass unsere Kunden ihre Visitenkarten häufiger aktualisieren oder verändern", sagt der Marketingleiter für Deutschland, Georg Treugut. Kunden seien vorrangig Kleinunternehmen, Selbstständige und Start-up-Firmen.

Der Sprecher der Agentur für Arbeit in Nürnberg, Mathias Ringler, beobachtet, dass viele Unternehmen die Karten nach wie vor einsetzen. "Man möchte damit der Geste der Kontaktaufnahme Nachdruck verleihen." Bei den Inhalten hat sich allerdings einiges gewandelt. Firmen drucken auf die Karten nun etwa QR-Codes. Diese können mit einem Smartphone gescannt werden und führen dann zum Beispiel zu Internetseiten.

Fragt man bei Firmen an, ergibt sich ein unterschiedliches Bild. Beim Softwarekonzern Microsoft läuft es so: "Mit Bezug der neuen Microsoft Deutschlandzentrale in München-Schwabing haben wir uns dort für ein papierloses Office-Konzept entschieden", sagt Niederlassungsleiterin Anna Kopp. "Daher haben alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Microsoft die Möglichkeit, sich über ein Online-Tool Visitenkarten zu bestellen, jedoch werden sie nicht mehr automatisch damit ausgestattet."

Beim Softwareanbieter SAP heißt es, dass die Bedeutung von gedruckten Visitenkarten in den vergangenen Jahren abgenommen habe und weiter abnehmen werde. Beim Energiekonzern RWE ist der Gebrauch individuell geregelt: Mitarbeiter, die viel im Ausland unterwegs seien, brauchen nach Unternehmensangaben gedruckte Visitenkarten, um auf die jeweiligen Gepflogenheiten im anderen Land eingehen zu können. Andere Mitarbeiter bräuchten keine mehr. Ähnlich ist es beim Versandhändler Otto: Während Mitarbeiter im Einkauf, die international unterwegs sind, Visitenkarten bräuchten, nutzten viele Mitarbeiter im Bereich Technik hingegen keine mehr, teilt der Versandhändler mit. Sie setzen demnach eher auf digitale Business-Netzwerke.

Der Trend- und Zukunftsforscher Tristan Horx vom Think Tank Zukunftsinstitut bemerkt, dass es in der Kreativ- und der Beratungswirtschaft in Deutschland, der Schweiz und Österreich eine Zeit lang "uncool" gewesen sei, Visitenkarten zu verteilen. "Nach dem Motto: Du findest mich schon online." In jüngerer Zeit sei die Visitenkarte aber wieder im Kommen. "Die Visitenkarte lebt davon, dass man sie eher weniger Leuten gibt. Und dafür ist sie dann was Besonderes", sagt Horx.

Die Deutsche-Knigge-Gesellschaft hält die gedruckte Visitenkarte immer noch für ein Muss in der Arbeitswelt. "Die Visitenkarte ist, wenn sie gut gemacht ist, eine handliche Zusammenfassung zu Ihrer Person und Ihrer Position. Kein anderes Medium kann diese Informationen im persönlichen Kontakt so schnell verfügbar machen wie diese Karte", betont die stellvertretende Vorsitzende Linda Kaiser.