Neue Geschäftsfelder

Der Online-Handel verändert den Waldkircher Ladenbauer Ganter

Bernd Kramer

Von Bernd Kramer

Mo, 11. November 2019 um 19:16 Uhr

Wirtschaft

Der Ladenbau verliert für das Unternehmen wegen der wachsenden Bedeutung des Internet-Einkaufs an Gewicht. Deshalb widmet man sich neuen Themen wie dem Bau von Seniorenwohnanlagen.

Die gewaltigen Veränderungen im Einzelhandel zu mehr Verkäufen im Internet haben beim Waldkircher Unternehmen Ganter Spuren hinterlassen. Mit dem weltweiten Bau von Läden für Nobelmarken wie Louis Vuitton oder Prada wurde Ganter groß. Dieses Geschäft hat jedoch seinen Höhepunkt überschritten. Deshalb hat Eigentümer und Gründer Michael Ganter den Innenausbau-Spezialisten neu aufgestellt. Auch seine Rolle im Unternehmen ändert sich.

Vor 25 Jahren gingen Michael Ganter und sein damaliger Geschäftspartner Albert Schlegel mit einer neuen Idee an den Markt. Anstatt Vitrinen und Regale für Shops selbst zu bauen, beschränkten sie sich darauf, als Generalunternehmer die Pläne von Ladenarchitekten umzusetzen. Dafür stützten sie sich auf lokale Handwerksbetriebe, koordinierten die Abläufe und sorgten für die nötige Qualität. Das Konzept bewährte sich. Ganter wuchs rasch und wurde zu einem wichtigen Arbeitgeber für das Elztal.

"Im Beirat kann ich mich zusammen mit hochkarätigen Experten der strategischen Weiterentwicklung des Unternehmens widmen" Michael Ganter
Heute legt jedoch in erster Linie der Online-Handel zu – auch im Luxussegment. Der stationäre Laden verliert als Vertriebsweg an Bedeutung. Bereits vor zwei Jahren hatte Michael Ganter deshalb angekündigt, auf diese Entwicklung zu reagieren. Standbeine wie der Innenausbau von Hotels, Kreuzfahrtschiffen, Bürogebäuden oder Villen sollten Ganter helfen, den Folgen des Wandels entgegenzutreten. Erfahrungen hatte man in diesen Bereichen bereits gesammelt.

Jetzt wurde die Organisation dem veränderten Umfeld angepasst. Unter dem Dach der Ganter Construction & Interiors sind die drei Sparten Retail (Ladenbau), Commercial (Innenausbau von Geschäfts- und öffentlichen Gebäuden) und Residential (Ausbau, Renovierung von Privatwohnungen) zusammengefasst. Das Tagesgeschäft wird von der langjährigen Ganter-Managerin Bettina Zimmermann und dem Baufachmann und Kaufmann Peter Pendt geführt. Michael Ganter (55) leitet den Beirat. "Im Beirat kann ich mich zusammen mit hochkarätigen Experten der strategischen Weiterentwicklung des Unternehmens widmen", begründet er seinen Schritt.

"Wir konzentrieren uns jetzt auf Europa" Michael Ganter
Die Construction & Interiors kam im vergangenen Geschäftsjahr auf einen Umsatz von 122 Millionen Euro. Davon entfielen 48,6 Millionen Euro auf das traditionelle Retail-Geschäft, 36,6 Millionen Euro auf die Sparte Retail und 35,2 Millionen Euro auf den Bereich Commercial. Der Umsatz ist im Vergleich zum Vorjahr stabil geblieben, sagt Peter Pendt. Für das laufende Geschäftsjahr rechnet er mit einem ähnlichen Umsatz.

Teil der Neuausrichtung ist auch die Aufgabe der Niederlassungen in den USA, Großbritannien und China. "In den USA werden Aufträge fast nur noch an einheimische Anbieter vergeben, in China übernehmen die Chinesen solche Aufgaben jetzt selbst", sagt Michael Ganter. Die frühere China-Tochter hat deren Leiter im Rahmen eines Management-Buyouts übernommen. "Wir konzentrieren uns jetzt auf Europa", beschreibt Ganter die zukünftige Zielsetzung. Wegen der Aufgabe der Auslandsgesellschaften ist die Zahl der Mitarbeiter geschrumpft. Derzeit arbeiten 346 Menschen für Ganter, davon 22 Auszubildende. Zum Vergleich: 2017 waren es noch rund 420. Auch aus dem Bau von Modulhäusern ist das Unternehmen ausgestiegen. Der Schwerpunkt habe sich zu einfach gehaltenen Wohneinheiten hin verlagert, Ganter sei jedoch für die höherwertigen Typen gestanden, sagt Michael Ganter.

Alle Wohnungen in Breitnau sind verkauft

Das Großprojekt Sonnenhöhe in Breitnau hat sich erfolgreich entwickelt. In enger Zusammenarbeit mit der Gemeinde errichtet die Ganter Property Develeopment dort in mehreren Schritten eine Seniorenwohnanlage. Die Ganter Property ist ebenso wie die Construction & Interiors eine Tochter der Ganter-Holding Migati. Das Gebäude für betreutes Wohnen und das Pflegehaus mit Café, Physiopraxis sollen in der zweiten Jahreshälfte 2020 fertig sein. "Alle 21 Wohnungen für das betreute Wohnen sind bereits verkauft", sagt Klaus Schweizer, der die Property-Tochter führt. Die Käufer kommen nach seinen Angaben aus Südbaden.

"Das Projekt stößt auf viel positive Resonanz" Klaus Schweizer
Ganter wird dadurch jedoch nicht zum Betreiber der Anlage. Die Pflege übernimmt das Seniorenzentrum St. Raphael aus Titisee-Neustadt, hinter dem unter anderem die Caritas steht. "Das Projekt stößt auf viel positive Resonanz", sagt Schweizer. Man habe auch schon Anfragen aus anderen Teilen des Schwarzwalds erhalten. Kurz vor Fertigstellung befindet sich der siebenstöckige Ganter-Tower in Tauberbischofsheim. In dem Hochhaus wird unter anderem die dortige Niederlassung des Unternehmens vertreten sein.

Als Herausforderung für bezeichnet Bettina Zimmermann die gewachsenen Anforderungen der Retail-Kunden. Moderne Läden müssten zum Beispiel flexibel gestaltet sein, sagt die Architektin. Kollektionen wechselten nicht mehr nur im Rhythmus der Jahreszeiten, sondern mitunter schon monatlich. Dies erfordert ein rasch wechselndes Erscheinungsbild des Ladens. Außerdem werde der Shop immer mehr zu einem Erlebnis- und zu einem Ereignisraum, um den Kunden einen Mehrwert zu bieten, wenn er beim Einkauf auf den stationären Einzelhandel vertraut.