Wirtschaft

Deutsche Zuckerwirtschaft steckt in der Krise – und macht die EU verantwortlich

Julia Giertz

Von Julia Giertz (dpa)

Sa, 20. Juli 2019 um 14:30 Uhr

Wirtschaft

Schwierige Zeiten für die deutsche Zuckerwirtschaft: Industrie und Rübenbauern sehen sich vielen Problemen gegenüber. Besonders auf die EU sind sie nicht gut zu sprechen.

Die Zuckerrüben auf dem Feld von Fritz Riesch in Ditzingen (Kreis Ludwigsburg) zeigen sich in sattem Grün. Doch der Schein trügt. Dreht Riesch das Blatt einer Pflanze um, sieht er dunkle Pünktchen. Zig schwarze Bohnenläuse laben sich am Pflanzensaft. Auf das Konto von Schädlingen wird nach Einschätzung von Julian Müller vom Landesverband der Zuckerrübenanbauer bei der diesjährigen Ernte ein Schwund von zehn Prozent gehen. Doch das ist nur eine von vielen Schwierigkeiten der deutschen Rübenanbauer.

Für einige davon machen die Landwirte die EU verantwortlich. So hat sie das Präparieren des Saatgutes mit einigen Neonicotinoiden verboten. Diese sogenannten Neonics gelten als schädlich für Bienen. Aber ohne die Vorbehandlung befallen laut Riesch Schädlinge die Felder. Er glaubt, nun nachträglich auf seinen zwölf Hektar Rüben großflächig Insektizide einsetzen zu müssen, wenn die Läuse überhandnehmen. "Eine Verschlimmbesserung und für mich deutlich mehr Arbeit", findet der Landwirt. Besonders ärgert ihn, dass mehrere EU-Staaten die Neonics mit Sondergenehmigungen weiter zulassen.

Auch der Branchenverband Wirtschaftliche Vereinigung Zucker sieht das kritisch: Die Landwirte müssten teurere, aber weniger wirksame Chemikalien spritzen. Und die Bienen, deren Wohlergehen die EU im Sinn hatte, profitierten von der Vorschrift gar nicht. "Die Rüben werden schon vor dem Blühen geerntet", sagt Verbandssprecherin Sandra Golz.

Einst sprach man vom "weißen Gold"

Riesch und die bundesweit 26 500 anderen Zuckerrübenanbauer, davon 2300 in Baden-Württemberg, tragen zur Versorgung Deutschlands mit Zucker bei. Jährlich isst jeder Deutsche nach Angaben des Branchenverbands im Schnitt 18 bis 20 Kilo Zucker – der einst als "weißes Gold" galt. Heute kostet ein Kilo im Supermarkt manchmal nicht einmal 60 Cent. In der EU liegt der Zuckerpreis mit 314 Euro pro Tonne auf einem Allzeittief, Mitte 2017 kratzte der Wert noch an der 500-Euro-Marke. Grund: der Wegfall der EU-Zuckermarkt-Ordnung Ende 2017.

Das alte System von nationalen Zuckerquoten und Rübenmindestpreisen diente der Selbstversorgung der Europäer mit Zucker – und sicherte Riesch und seinen Kollegen ein gutes Auskommen. Bei 25 Prozent der Anbaufläche habe die Rübe 50 Prozent des Umsatzes im Ackerbau eingebracht, erzählt Riesch. Kritiker sahen die Quote hingegen als Einschränkung des Wettbewerbs, manch einer sprach sogar von einem "planwirtschaftlichen" System.

Südzucker aus Mannheim befürchtet Nachteile

Riesch hält dagegen die Liberalisierung des Marktes für unfair. Denn einige EU-Staaten – etwa Rumänien – zahlten Rübenbauern sogenannte gekoppelte Zahlungen, also Zuschüsse. "Wir fordern die Politik auf, die Wettbewerbsnachteile durch gleiche Bedingungen aufzuheben, das gilt für den Umgang mit Neonicotinoiden wie für die Subventionen", sagt Verbandssprecherin Golz.

Als neuer Konkurrent tritt der südamerikanische Staatenbund Mercosur auf: Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Die EU und Mercosur wollen gemeinsam die größte Freihandelszone der Welt aufbauen und hatten die Verhandlungen dazu unlängst abgeschlossen. Wegen des großen Produktionsvolumens in der Freihandelszone können Kostenvorteile etwa bei Rindfleisch, Geflügel und Zucker letztlich dem Verbraucher zugutekommen. Auch die deutsche Wirtschaft verspricht sich davon eine Menge.

Der weltweit größte Produzent Südzucker aus Mannheim hingegen befürchtet Nachteile: "Wir gehen davon aus, dass größere Mengen aus dieser Region – im Volumen einer deutschen Zuckerfabrik – auf den Markt kommen und die heimische Produktion verdrängen", sagt Sprecher Dominik Risser.

Die aus Branchensicht schwierige Gemengelage schlägt sich auch in den Büchern der Abnehmer wie Südzucker nieder, den auch Riesch beliefert. Der Konzern rechnet für 2019/20 mit einem Umsatz von 6,7 bis sieben Milliarden Euro und mit einem Konzernergebnis von 0 bis 100 Millionen Euro, wobei er im Segment Zucker 200 bis 300 Millionen Euro Verlust erwarten. Das Unternehmen schließt nun fünf Fabriken in Polen, Frankreich und Deutschland, um 700 000 Tonnen Produktionskapazitäten Zucker aus dem europäischen Markt zu nehmen. "Da entstehen Härten, aber was will man sonst machen?", sagt Riesch mit Blick auf betroffene Kollegen. Er selbst ist froh, dass er seine diesjährige Ernte an eine von sieben verbleibenden Südzucker-Fabriken in Offenau nördlich von Heilbronn verkaufen kann.

Bauer Riesch hat Glück, sein Hauptstandbein ist die Milchviehhaltung. Andere Kollegen seien stärker von der Rübe abhängig. Schon in den letzten drei Jahren haben sich bundesweit 2000 Landwirte von der einst so ertragreichen Frucht verabschiedet. Riesch, Rübenbauer in dritter Generation, will seiner Feldfrucht noch möglichst lange treu bleiben. "Ich werde einer der Letzten sein, der aussteigt – mein Herz gehört der Rübe."