Im Blindflug

Wolfgang Bauer

Von Wolfgang Bauer

Sa, 14. Februar 2009

Wirtschaft

Die Bayerische Landesbank hat mit Immobilienkrediten Milliarden verloren – ein Banker erzählt, wie es dazu kam / Von Wolfgang Bauer

Der Mann, der das Bahnhofscafé in Manhattan betritt, fürchtet, gesehen zu werden. Er ist angespannt. Er bestellt einen Espresso. "Ich habe sie immer wieder gewarnt", sagt Johann Brunner*, dunkler Anzug, weißes Hemd. "Irgendwann lief das alles aus dem Ruder." Er arbeitet für die Bayerische Landesbank, Zweigstelle New York. Er blickt nervös über seine Schulter, mustert jeden Gast, der neu hereinkommt, eindringlich. Dann unterbricht er für einen Moment seine Erklärungen und setzt wieder an. Jahrelang stand der Mann loyal zu seiner Firma. Er ist in einer Abteilung beschäftigt, die Kreditrisiken prüft. "Ich habe ihnen immer wieder gesagt, macht das nicht. Wir wissen nicht, worauf wir uns da einlassen. Es war die reine Gier. Wir waren so gierig." Er hat einen Bleistift mitgebracht und einen Notizblock, darauf zeichnet er Pfeile, Kästchen, Körbchen – er skizziert den Untergang einer ehemals strahlenden Bank.

Der Stift sprüht Graphit, als er mit Schwung einen weiten Bogen malt. Er zieht ihn vom Jahr 1972, in dem die BayernLB von Sparkassen und Freistaat gegründet wurde, als Landesbank für Mittelstand und Regionalförderung, bis in die Gegenwart, in der das Unternehmen 19 200 Mitarbeiter hat und eine Bilanzsumme von 415 Milliarden Euro. Er zieht den Bogen von München, Sitz der Hauptverwaltung in der vornehmen Brienner Straße, rechts am Blattrand, ins 10 000 Kilometer entfernte Kalifornien ganz am linken Rand. Tüpfelt viele kleine Punkte dorthin. In Reihen ordnet er sie an, in Straßenzügen, denen er wiederum ein quadratisches Muster gibt, bis sie einem typisch kalifornischen Wohnviertel ähneln. Als würde jemand aus der Vogelperspektive auf das Haus von Moises Carranza schauen, Lawndale, Los Angeles, Heimat des amerikanischen Traums.

Zum ersten Mal gestand es der Spediteur seinen drei Kindern vor zwei Monaten. Lange hatte er das hinausgezögert. Im Halbkreis saßen sie auf der Polstergarnitur. Carranza hatte sich vorgenommen, nicht zu weinen. "Sie sollen glücklich sein", sagt der 36-Jährige über seine Familie. "Sie sollen von all dem nichts mitbekommen." Moises Carranza ist nicht mehr in der Lage, seinen Kredit zu bezahlen. Er hat 30 Pfund zugenommen und kann seit Wochen nicht richtig schlafen. "Wir sind in großen Schwierigkeiten", gestand er. "Vielleicht werden wir unser Haus verlieren." In diesem Haus wurde er geboren, dort, wo heute der große Flachbildschirm steht.

Für 9500 Dollar hatte es sein Vater 1962 als mexikanischer Einwanderer erworben, um es dann 20 Jahre lang abzubezahlen. Monat für Monat. Eiserne 52 Dollar. Ohne Zahlungsrückstände. Die Carranzas haben sich ...

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