Konservative Anleger haben es auch in Zukunft schwer

Bernd Kramer

Von Bernd Kramer

Sa, 09. November 2019

Wirtschaft

BZ-HAUTNAH: Experte rechnet mit einer lange anhaltenden Niedrigstzinsphase und hält ein Plädoyer für ethische Investments.

FREIBURG. Chris-Oliver Schickentanz verdeutlicht seine Einschätzungen gerne mit einem zutreffenden Zitat. Dieses Mal griff der Chefanlagestratege Privatkunden der Commerzbank, auf das Liedgut der Musikgruppe Rosenstolz zurück. Diese singt: "Manchmal sind die Dinge gar nicht so, wie man sie sich vorstellt, sondern besser."

Mit diesen Worten bezog sich der Kapitalmarktspezialist bei der BZ-Hautnah-Veranstaltung "Kapitalmarktperspektiven 2020" auf die Aussichten der Weltwirtschaft und der deutschen Ökonomie. 2020 werde gar nicht so schlecht, ist Schickentanz überzeugt. China und die USA einigen sich zumindest auf einen Waffenstillstand in ihrem Handelskrieg, lautet seine Prognose. Auch für einen geregelten Brexit sei die Wahrscheinlichkeit hoch. Und trotz der Schwierigkeiten der deutschen Industrie werde das Land nicht in eine tiefe Depression verfallen, meint Schickentanz. Hinzu komme die Ausgabenfreude bedeutender Staaten. Die Regierungen von China, Indien und die USA würden ihren Volkswirtschaften einen kräftigen finanziellen Schub geben.

Doch was bedeutet das für den Anleger, fragten die Moderatoren Anton Gereitzik, Leiter des südbadischen Privat- und Unternehmerkundengeschäfts der Commerzbank, und Jörg Buteweg, BZ-Wirtschaftschef. Viel von diesem zukünftigen Schwung sei am Aktienmarkt in den vergangenen Wochen schon vorweggenommen, sagte Schickentanz. Die Kurse hätten kräftig zugelegt. Deshalb müssten sich die Aktionäre 2020 wohl mit etwas geringeren Zuwächsen begnügen. Trotzdem sollten sich die Sparer nicht von der Aktie verabschieden.

Schlechte Nachrichten hatte Schickentanz für die konservativen Anleger unter den 110 Zuhörern. Negativzinsen werden noch eine ganze Weile zur Tagesordnung gehören: "Frühestens 2024 wird die EZB nach unserer Meinung den Leitzins erhöhen, erst 2026 wird er wieder das Niveau der Inflationsrate erreichen." Die neue EZB-Chefin Christine Lagarde werde den Kurs ihres Vorgängers Mario Draghi weiterverfolgen. Wer als Anleger auf Nummer sicher gehen wolle, dem empfahl Schickentanz ein Engagement in offenen Immobilienfonds. Sie wiesen stabile Erträge auf.

Lars Pecoroni, Vertriebsdirektor Südwest der Fondsgesellschaft Black Rock, legte dem Publikum nahe, sich bei ihrer Anlageentscheidung an den globalen Megatrends zu orientieren. Dazu zählt er den gewaltigen technischen Fortschritt.

Chris-Oliver Schickentanz forderte die Hautnah-Gäste überdies auf, vermehrt über ethische Investments nachzudenken: "Ein gutes Gewissen und eine gute Rendite schließen sich nicht aus." Der Druck von Investoren sei ein starker Hebel, um Unternehmen zu mehr Umweltschutz, besseren Arbeitsbedingungen und einer guten Unternehmensführung zu bringen.