Umstrittene Praxis

Landwirtschaftsministerin Klöckner will Kükentöten verbieten

Bernhard Walker

Von Bernhard Walker

Fr, 10. Juli 2020 um 16:28 Uhr

Wirtschaft

Bundesagrarministerin Julia Klöckner will ein Gesetz vorlegen, das die Praxis des Kükentötens ab Ende 2021 verbietet. Jährlich werden in Deutschland etwa 40 Millionen männliche Küken getötet.

Im Juni 2019 hatte das Bundesverwaltungsgericht entschieden, dass die Tötung männlicher Küken nur noch für eine begrenzte Zeit zulässig ist und danach enden muss. Klöckner forderte daraufhin den Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) und die Lebensmittelhändler auf, ein Konzept zum Ausstieg vorzulegen. Das jedoch gibt es bis heute nicht.

Der Bundesverband des Lebensmittelhandels betont, dass es um komplexe Herausforderungen gehe: "Die Anforderungen aller Beteiligten an den Tierschutz und die technische Machbarkeit sind in Einklang zu bringen. Solche Prozesse benötigen Zeit und weitere Gespräche, die momentan sach- und lösungsorientiert geführt werden." Somit liegt nur der Entwurf einer Branchenvereinbarung vom Mai vor.

Darin lassen sich die Akteure auf eine freiwillige Zusage zum Ausstieg ab Januar 2022 ein. Damit gibt sich Klöckner nicht zufrieden: "Die von der Branche vorgelegte Vereinbarung zum Ausstieg aus dem Kükentöten erfüllt jedoch nicht die Erwartungen, den Ausstieg aus dem Kükentöten stufenübergreifend und flächendeckend bis Ende 2021 umzusetzen."

Die Koalition steht auf der Seite von Klöckner

Klöckner nimmt also das Heft des Handelns in die Hand: Der Staat verfügt das Ende des Kükentötens und überlasst dieses Ziel nicht allein der Branche. Das ist durchaus mutig. Immerhin hat der ZDG in der CDU/CSU einigen Einfluss. ZDG-Präsident Friedrich-Otto Ripke war früher CDU-Abgeordneter im Landtag von Niedersachsen sowie Staatssekretär im Agrarministerium von Hannover. Zudem vertritt Gitta Connemann, die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion, den Wahlkreis Unterems im Parlament. Und das Emsland ist die Hochburg der deutschen Geflügelwirtschaft, der Connemann eng verbunden ist.

Trotzdem erwartet niemand, dass die Fraktion Klöckners Gesetzentwurf zu Fall bringen wird. Immerhin gibt es den schwarz-roten Koalitionsvertrag, in dem es vollmundig heißt: "Das Töten von Eintagsküken werden wir bis zur Mitte der Legislaturperiode beenden." Die Mitte der vierjährigen Legislaturperiode, die 2017 begann, ist längst überschritten. Und bliebe Schwarz-Rot weiter untätig, träte früher oder später wieder ein Gericht auf den Plan, das heißt: Ein Gericht würde dann festlegen, wann die vom Bundesverwaltungsgericht genannte Übergangsfrist enden muss. Diese Blamage möchte sich die Union ersparen.

Supermärkte wollen auf Bruderhahn-Lösung setzen

Auch hat sich in Berlin herumgesprochen, dass der Handel längst eigene Wege geht. So haben die Branchenriesen Aldi Süd und Aldi Nord erklärt, dass sie bis 2022 die Produktion der bei Aldi angebotenen Boden-, Freiland- und Bio-Eier umstellen. Bei den Bio-Eiern (auf sie entfallen etwa 20 Prozent aller bei Aldi verkauften Eier) setzt der Discounter auf die so genannte Bruderhahn-Lösung. Dabei werden die männlichen Küken aus Legehennen-Linien nicht getötet, sondern aufgezogen – ein Modell, das viele Bio-Erzeuger schon seit geraumer Zeit anwenden.

Was die anderen Eier betrifft, will Aldi eine Technik einsetzen, die im Ei das Geschlecht ermittelt. Die Eier mit einem weiblichen Tier werden weiter ausgebrütet, aus ihnen schlüpfen die Legehennen. Die männlichen Eier werden beispielsweise zu Tierfutter weiterverarbeitet – ohne dass das Tier je geschlüpft ist. Vom Ende des Kükentötens könne aber bei dieser Technik keine Rede sagt, betont die "Bruderhahn Initiative Deutschland" (BID): Das Töten werde nur ins befruchtete Ei vorverlegt. Man beende das Kükentöten sehr wohl, erwidert Aldi in einem Brief an die BID. Bei einem Küken handele es laut Definition um ein "lebensfähiges Tier nach dem Schlupf".