Verhärtete Atmosphäre

Holger Schindler

Von Holger Schindler

So, 23. Juni 2019

Wirtschaft (regional)

Der Sonntag Das traditionsreiche Freiburger Chemieunternehmen Cerdia schrumpft weiter.

In diesen Tagen entscheiden die Mitarbeiter von Cerdia, früher Rhodia, darüber, wie es mit ihrem Unternehmen im Freiburger Industriegebiet Nord weitergeht – genauer gesagt diejenigen Mitarbeiter, die Mitglied in der Gewerkschaft IG BCE sind. Das Management von Cerdia will massiv sparen und hat die Beschäftigten vor eine Art Ultimatum gestellt: entweder sie tragen die Sparpläne mit und erlauben der IG BCE entsprechende Vereinbarungen zu treffen, oder die Sparmaßnahmen werden einseitig durchgezogen, verbunden mit dem Austritt aus dem Arbeitgeberverband und dem Abschied vom Flächentarifvertrag.

Schmerzhaft werden die Kürzungspläne für die Belegschaft in jedem Fall. Falls sie kooperieren, will der Eigentümer jedoch mit frischem Geld den Standort für die Zukunft fit machen.

Kurz nach dem Jahreswechsel wurde der Cerdia-Betriebsrat erstmals von der Firmenleitung über die Sparabsichten informiert. "Seither erleben wir in den Gesprächen mit dem Management, wie unnachgiebig die Sparziele verfolgt werden", berichtet Cornelia Kainz, die Vorsitzende der Mitarbeitervertretung. "Ich bin jetzt seit 32 Jahren im Betriebsrat und habe schon etliche Verhandlungen für Sozialpläne mitgemacht", sagt sie, "aber eine so angespannte und verhärtete Atmosphäre wie jetzt habe ich noch nie erlebt." Stets sei ein Anwalt als Vertreter des Eigentümers Blackstone am Verhandlungstisch dabei. Die US-Investmentgesellschaft hat das traditionsreiche Freiburger Chemieunternehmen 2016 übernommen.

Das Cerdia-Management, das seit einigen Monaten in Basel sitzt, um Steuern zu sparen, wie Cornelia Kainz erklärt, hat zwei Varianten für das weitere Vorgehen in den Raum gestellt. Vorziehen würde die Geschäftsleitung unter Vorstand Philippe Rosier, wenn die Belegschaft und damit die IG BCE kooperieren würden. Dann sollen 40 der 760 Arbeitsplätze über Aufhebungsverträge wegfallen, die Jahressonderzahlung in Höhe knapp eines Monatsgehalts gestrichen und die Arbeitszeit von 37,5 auf 39,25 oder 40 Stunden erhöht werden. Im Gegenzug will Cerdia am Standort 91 Millionen Euro bis 2025 für neue Filter-Tow-Produktionsanlagen investieren.

Filter-Tow aus Celluloseacetat, das Ausgangsmaterial für Zigarettenfilter, ist das Hauptprodukt des Unternehmens. Die Gewerkschaft und der Betriebsrat würden in diesem Fall einen Standortsicherungsvertrag mit dem Arbeitgeber abschließen. "Der soll bis 2025 laufen", erklärt IG-BCE-Bezirksleiterin Petra Hartwig. Die Einschnitte bei Jahresentgelt und der Arbeitszeit sollen bis 2023 befristet werden.

Das geht aber nur, wenn die Gewerkschaftsmitglieder bei Cerdia dafür grünes Licht geben. Etwa 60 Prozent der Mitarbeiter gehörten der IG BCE an. Wenn die Mitarbeiter diesen Weg ablehnen, will die das Management gemäß "Plan B" aus dem Arbeitgeberverband austreten und sich so von den Vorgaben des Flächentarifvertrags frei machen. Der würde dann zwar für bestehende Beschäftigungsverhältnisse nachwirken, bei Neueinstellungen aber keine Wirkung mehr haben. Zudem will die Firmenleitung dann 80 Jobs streichen, 135 outsourcen, die betriebliche Altersvorsorge kürzen und betriebliche Zulagen streichen. Vor allem aber gäne es keine Investitionen. Wie die Abstimmung ausgeht, ist offen.

Cerdia ist 1927 unter dem Namen Deutsche Acetat-Kunstseiden AG Rhodiaseta an den Start gegangen. Damals stand die Produktion synthetischer Garne im Vordergrund. Gegründet wurde die Fabrik vom französischen Unternehmen Société Chimique des Usines du Rhône – unter maßgeblicher Mitwirkung führender deutscher Industrieller wie etwa Friedrich Flick und Fritz Thyssen. 1956 begann die Herstellung von Zigarettenfilterkabel aus Cellulose – auch Filter-Tow genannt, bis heute das Hauptstandbein. Zu Spitzenzeiten Ende der 1960er-Jahre zählte Rhodia 5 200 Beschäftigte und war größter industrieller Arbeitgeber der Stadt. Anfang der 1980er-Jahre waren es 2 700 Mitarbeiter, heute sind es noch 760. Im Jahr 2011 übernahm der belgisch Solvay-Konzern die Firma, verkaufte sie allerdings 2016 weiter an die US-Investmentgesellschaft Blackstone. 2017 verhinderten die EU-Kontrollbehörden mit hohen Auflagen eine Verschmelzung mit dem US-Konkurrenten Celanese. Weltweit arbeiten 1 300 Menschen für Cerdia.Holger Schindler