Klimaschutz

Vorstellungen der Ölmultis klaffen weit auseinander

Christian Mihatsch

Von Christian Mihatsch

Mo, 19. Oktober 2020 um 18:06 Uhr

Wirtschaft

Während europäische Ölkonzerne ehrgeizige Pläne für mehr Klimaschutz vorlegen, verfolgt die US-Konkurrenz eine ganz andere Strategie.

Um einen Großkonzern zu führen, muss man eine Vorstellung von der Zukunft haben. Oft ist diese bei Konkurrenten in einer Branche ähnlich. Im Ölmarkt klafft diese mittlerweile aber stark auseinander.

Die globalen Kohlendioxid-(CO2)-Emissionen könnten vergangenes Jahr ihren Höhepunkt überschritten haben und nun auf hohem Niveau verharren. Das zeigt der diesjährige Weltenergieausblick der Internationalen Energieagentur IEA. Nach der Ankündigung Chinas, spätestens im Jahr 2060 CO2-neutral zu wirtschaften, ist dieses Szenario sogar noch wahrscheinlicher geworden.

Es gibt Anzeichen für einen sinkenden Ölverbrauch

Das Gleiche gilt für den Ölverbrauch. Dieser könnte ab nun sinken, weil mehr Elektroautos gekauft werden und wohl auch die Zahl der Geschäftsreisen nie wieder das Niveau des Jahres 2019 erreichen wird. Zudem wird auch die Arbeit aus dem Homeoffice mit jedem Tag ohne Impfstoff gegen das Coronavirus normaler. Hinzu kommen die Anstrengungen der Industrie. Mittlerweile haben sich über 1000 Großkonzerne im Rahmen der SBT-Initiative "wissenschaftsbasierte Klimaziele" gesetzt.

Europas Ölmultis ist dies nicht entgangen. Diese setzen sich zunehmend das Ziel, ihre Emissionen bis zum Jahr 2050 auf null zu reduzieren – inklusive der Emissionen aus der Verbrennung ihrer Produkte. Den detailliertesten Plan hat derzeit der britische Ölkonzern British Petroleum (BP). Dieser hat auch ein Kurzfristziel: Bis zum Jahr 2030 sollen die Emissionen um zwei Fünftel sinken. "BP hat die Spielregeln radikal verändert", sagt Andrew Grant vom britischen Thinktank Carbon Tracker. Aber auch Repsol (Spanien), Eni (Italien), Total (Frankreich) und Shell (Großbritannien und Niederlande) haben mittlerweile Klimapläne, die noch vor zwei Jahren nahezu unvorstellbar waren.

US-Ölkonzerne erwarten steigende Nachfrage

Die große Ausnahme in Europa ist der norwegische Ölkonzern Equinor. Dieser hat nicht nur ein schwaches Klimaziel, sondern geht auch von einem ungewöhnlich hohen Ölpreis für die Periode 2020 bis 2030 aus. Während die meisten europäischen Konkurrenten mit 60 Dollar pro Fass (159 Liter) rechnen, erwartet Equinor im Schnitt 82 Dollar, ein Drittel mehr. (Zum Vergleich: Im Moment kostet ein Fass der Nordseesorte Brent 43 Dollar.)

Rio Tinto hat den Absprung geschafft

Die Ölkonzerne in den USA leben hingegen in einer ganz anderen Welt. Chevron, Conoco Phillips und Exxon Mobile erwarten eine weiter steigende Ölnachfrage. Dies geht aus einer aktuellen Carbon-Tracker-Studie hervor. Die US-Ölkonzerne publizieren zudem nicht, von welchem Ölpreis sie in Zukunft ausgehen. Daher investieren sie in Projekte, die nicht mit der Begrenzung der Klimaerwärmung auf 1,6 Grad zu vereinbaren sind. Bei Exxon liegt dieser Anteil bei 80 bis 90 Prozent des ganzen Portfolios an Förderanlagen. Dass mit diesem Geschäftsmodell etwas nicht stimmt, müsste gerade Exxon aber eigentlich klar sein. Die Firma war noch im Jahr 2011 der wertvollste Konzern der Welt. Vor zwei Monaten flog Exxon dann aber nach über hundert Jahren aus dem Aktienindex Dow Jones.

Wie gefährlich das Festhalten an Wachstumszielen ist, zeigt auch ein Blick auf eine verwandte Branche – den Abbau von Kohle für Kohlemeiler. Kein Konzern will der letzte sein, der noch Kohleminen besitzt. Noch rechtzeitig hat der britisch-australische Rohstoffkonzern Rio Tinto den Absprung geschafft. Dieser verkaufte seine letzten Kohleminen vor zwei Jahren für über vier Milliarden US-Dollar.

Kaum Interesse an Kohlemine

Jetzt sieht die Lage bereits anders aus. Der auch britisch-australische Minenbetreiber BHP würde gerne seine Mount Arthur Mine in Australien abstoßen. Doch es findet sich kein Käufer, der bereit ist, einen angemessenen Preis dafür zu bezahlen. "Wer kauft noch eine riesige Kohlemine zu dieser Zeit?", fragt Tim Buckley vom australischen Thinktank IEEFA.