Zahl der Nebenjobs steigt

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Von dpa

Mi, 22. Januar 2020

Wirtschaft

3,54 Millionen Menschen in Deutschland gehen mehreren Beschäftigungen nach.

BERLIN (dpa). Ob aus finanziellen Schwierigkeiten oder wegen unerfüllter Konsumwünsche: Die Zahl der Beschäftigten mit einem Nebenjob in Deutschland ist auf ein Rekordhoch gestiegen. Ende Juni 2019 waren 3,54 Millionen Mehrfachbeschäftigte registriert. Das geht aus einer Antwort der Bundesagentur für Arbeit (BA) auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor. Mit fast drei Millionen Menschen haben die meisten davon neben einem regulären Job einen Minijob.

Insgesamt ist die Zahl der Mehrfachbeschäftigten binnen eines Jahres um 124 000 gestiegen – also um 3,6 Prozent. Zum Vergleich: 2010 hatte es noch 2,52 Millionen Mehrfachbeschäftigte gegeben. Ihr Anteil an allen Beschäftigten stieg von damals 7,1 auf 9,2 Prozent. 2003 waren erst 1,39 Millionen Menschen mehreren Jobs nachgegangen. Damals waren geringfügige Beschäftigungen (Minijobs) im Zuge der Hartz-Reformen attraktiver gestaltet worden. Beim Minijob zahlt der Arbeitnehmer weder Steuern noch Sozialabgaben. Seitdem boomen die Minijobs und die Mehrfachbeschäftigung.

Mehr als 345 400 Menschen gingen im vergangenen Jahr zwei sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen nach. Dritthäufigste Variante war die Kombination von zwei oder mehr Minijobs. Dies galt für knapp 260 700 Fälle.

"Der überwiegende Teil dürfte aus purer finanzieller Not mehr als einen Job haben und nicht freiwillig", kommentierte die Linken-Abgeordnete Sabine Zimmermann, die die Anfrage gestellt hatte. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) mahnte, nicht jede Form von Nebenbeschäftigung zu skandalisieren. "Aber es gibt Bereiche, da muss uns das mit Sorge umtreiben", sagte Heil während der Vorstellung eines neuen Rats der Arbeitswelt. "Tatsache ist: Wir haben nach wie vor in Deutschland einen sehr festen Sockel von Niedriglöhnen, und darüber müssen wir reden." Insgesamt arbeiteten laut der BA zuletzt 4,14 Millionen Menschen im unteren Lohnbereich. Dieser reicht bis zu zwei Drittel des mittleren Einkommens, also weniger als 2203 Euro brutto im Monat.

Laut einer 2019 veröffentlichten Befragung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung sind für 53 Prozent der Befragten finanzielle Schwierigkeiten ausschlaggebend gewesen, eine Nebentätigkeit aufzunehmen. 24 Prozent gaben an, keine Vollzeitstelle zu finden und deshalb auf einen Minijob ausweichen zu müssen. Für 51 Prozent war die Erfüllung von besonderen Konsumwünschen wichtig. Mehrfachnennungen waren möglich.

Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) von 2017 zeigt, dass Nebenjobber in ihrer Hauptbeschäftigung im Schnitt 570 Euro im Monat weniger verdienen als Menschen mit nur einem Job.

Zimmermann forderte die Erhöhung des Mindestlohns von derzeit 9,35 Euro auf 12 Euro, die Abschaffung von Niedriglohnbeschäftigung in Form der Leiharbeit und von sachgrundlosen Befristungen. Minijobs müssten in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung überführt werden. Heil wies darauf hin, dass Niedriglöhne auch daraus resultierten, dass immer weniger Arbeitsplätze an Tarifverträge gebunden seien.