Internet-Phänomen

"Born to Die" das lang erwartete Album von Lana Del Rey

Roland Mischke

Von Roland Mischke

Fr, 27. Januar 2012 um 07:46 Uhr

Neues für Schüler

In den sozialen Netzwerken herrschte seit Monaten Daueralarm. Wann kommt sie endlich, die Platte von Lana Del Rey, dem Popstar 2012?

Heute ist es so weit, nachdem es zum Erschrecken der Fans noch zu Beginn des Jahres hieß, wegen Problemen bei der Produktion sei das Erscheinen des Albums auf März verschoben. In Indie-Blogs, Zeitungen und Fachmagazinen, in Radio und Fernsehen war immer klar: Eine 25-Jährige, die "Video Games" und "Blue Jeans" so singen kann wie sie – die Youtube-Videos zu den vergangenes Jahr veröffentlichten Songs wurden millionenfach angeklickt – kann nur eine ganz Große werden. Die vorzeitige Überhitzung kann aber eigentlich nur zur Enttäuschung führen.

Keine weiß das besser als die Sängerin selbst. "Ich habe keine Kontrolle über mein eigenes Online-Leben", klagt sie in Interviews. Sie spürt längst, dass ihr die Werbemaschine, die seit Monaten läuft, und die Erwartungen der Facebook- und Twitter-Community den Boden unter den Füßen entziehen. "Born to Die", so der Titel ihres Albums, kann nicht, es muss ein Erfolg werden. Sonst scheint alles verloren. Dem Rolling Stone gestand Del Rey jetzt, dass sie sich zu schützen versuche, indem sie kaum noch Interviews gebe. "Aber den Rest kann ich natürlich nicht kontrollieren, der Hype ist überwiegend ein Internet-Selbstläufer. Von Natur aus bin ich eine sehr zurückhaltende Person und nicht besonders mittelpunktbedürftig. Ich ziehe mich lieber zurück und arbeite an meiner Kunst."

Das geht nicht mehr. Ihr Label Universal Music hat die Babydoll-Erscheinung mit der sehr amerikanischen gewellten roten Haarmähne, diese Frau zwischen klassischem Hollywood-Star und heutigem Popstar bereits in den Himmel geschossen. Es gebe Stars, so das bombastische Marketing, "die einfach in die Atmosphäre eintauchen, als ob sie von einer jenseitigen Kraft angetrieben werden. In diese Kategorie fällt Lana Del Rey mit ihrer erstaunlichen Ausstrahlung, ihrer beeindruckenden Stimme, dem souveränen Look und ihrem einzigartigen Gefühl." Ein Star aus dem Jenseits, Schlimmeres konnte der jungen Frau nicht passieren.

Klar, ihr Youtube-Auftritt ist grandios. Ein Mädchen, das in einem Wohnwagen lebt, schaut vielsagend in die Kamera und hat etwas Dunkles um die Augen. Man denkt an Drogen, Sexorgien, die Lust am Verderben und den Verlust des Freundes, dem sie hinterhersingt, obwohl er immer nur Videospiele machen wollte. "I will love you till the end of time, I would wait a million years". Da kann man nur aufschluchzen und durchatmen. Dazwischen gestückelt Szenen einer Jugend in Lake Placid, einem Wintersportort im Staat New York. Lana am Pool, lasziv mit der Whiskyflasche im Arm, das Gesicht mal von einem Lächeln verzerrt, mal faszinierend abwesend vor dem Sternenbanner. Dann galoppiert die Medienherde über das Starlet hinweg, es muss fliehen, die Jahre der Unbeschwertheit sind unwiderruflich zu Ende. Ein sehr filmischer Clip zwischen David Lynch und Nouvelle Vague, von der Künstlerin selbst gestaltet. Inzwischen spielt sie die Video-Collage herunter. Da sei keine Symbolik drin, kein tieferer Sinn, sondern "einfach der Kram, den ich mag".

Als Elizabeth Grant am 21. Juni 1986 in New York geboren, stammt die Sängerin aus einer bürgerlichen Familie. Der Vater ist Wissenschaftler, die Mutter nahm sie mit in die Kirche, schon als Jugendliche leitete sie den Kirchenchor. Mit 14 Jahren kommt sie auf ein Internat, mit 18 büchst sie aus mit ihrem damaligen Freund, macht Musik in kleinen Clubs in Brooklyn, wohnt in einem Trailerpark. Sie studiert Philosophie. Das sei in ihre Lieder eingezogen. Sie "reflektieren das Beste in meiner Vergangenheit", erklärt sie. "Manche haben eine dunkle Färbung, aber ich bin glücklich."

Ein erstes Album wurde von ihrem Management wieder eingezogen. Sie habe nur das Ziel gehabt, von ihrer Musik leben zu können, sagt Lana Del Rey. Nun soll sie Illusionen bewirken mit ihrer Mischung aus Swinging-Sixties-Musik, coolem Pop mit Rock-’n’-Roll-Gitarren und dramatischen Streichern im Hintergrund. Und vor allem dieser Stimme, die im Studio so viel mehr Wirkung entfaltet als auf der Bühne (wie man auch auf Youtube sehen kann), die mit ihrer sinnlichen Lakonie bestens in aufgedonnerte Arrangements passt. Und zu langsamem, traurigem Tempo – die meisten Songs des Albums folgen dem Muster von "Video Games".

Lana Del Rey ist ein Kunstprodukt zum Träumen, das ihre Produzenten Eg White (der Adele und Duffy in den Markt brachte) und Guy Chambers (der mehrere Hits für Robbie Williams schrieb) am lebenden Objekt kreiert haben. Bis hin zum Lippenaufspritzen, wird vermutet. Ihr Mund sei echt, barmt die Sängerin und wehrt sich gegen die Marketing-Kampagne: "Da steckt niemand hinter dem Vorhang. Das bin ich nur selbst." Aber man glaubt ihr nicht mehr, die Musikindustrie hat längst die Hoheit über ihre Biografie übernommen. Lana Del Rey taugt als Geldmaschine, sie muss Karriere machen.

Das ist traurig, wenn Plattenfirmenbosse und Marketing-Übertreiber am Image eines jungen Talents zimmern. Lana Del Rey muss das Bad Girl geben, obwohl ihr Schmollmund ganz andere Sehnsüchte verrät. Inzwischen kennt sie das Spiel, spielt mit, sucht aber schon nach einer Alternative. "Ich bin nicht in erster Linie ein Künstler", versucht sie es mit Understatement. "Zuerst bin ich ganz andere Dinge." Der Hype setzt ihr zu, noch vor der Veröffentlichung und der darauffolgenden Vermarktung samt Welttournee denkt Elizabeth Grant an einen Ausfallschritt. "Wenn das noch größer wird als jetzt, muss ich mich hinsetzen und nachdenken, was ich tun soll." Ein Star will sich vor dem Starruhm retten. Aber es ist zu spät.
– Lana Del Rey: Born To Die (Vertigo/Universal).