"Noch werden Diagnosen von Ärzten gestellt"

Bruno Kohlmeyer

Von Bruno Kohlmeyer

Mo, 25. November 2019

Lahr

BZ-INTERVIEW mit Professor Lothar Tietze, der am heutigen Montag im Lahrer Haus zum Pflug über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Medizin spricht.

LAHR. Ist der Computer dabei, den Arztkontakt zu ersetzen? Mit dieser Frage befasst sich Lothar Tietze, leitender Pathologe der Ortenau-Kliniken und Ärztlicher Direktor am Lahrer Klinikum, heute, Montag, in einem Vortrag beim Freundeskreis Klinikum. Bruno Kohlmeyer sprach mit ihm.

BZ: Bessere Diagnosen zum Nutzen der Patienten. Bekommen da Ärzte leuchtende Augen, wenn sie an den möglichen medizinischen Fortschritt denken?
Tietze: Ja, der medizinische Fortschritt wird jetzt schon mitgetragen durch die Entwicklung der elektronischen Datenverarbeitung: Denken sie nur an die rasante Entwicklung in der Molekulargenetik, die DNA-Sequenzierung, deren Informationen nur durch eine hoch leistungsfähige Datenverarbeitung analysiert und bewertet werden kann.
BZ: In welchem Umfang wird Künstliche Intelligenz heute schon genutzt und welche Bereiche der Medizin sind die größten Nutznießer?
Tietze: Noch werden Diagnosen von Ärzten gestellt. Allerdings nutzen wir heute schon im Alltag die Möglichkeiten der Internetsuchmaschinen, um rasch Zugriff auf aktuelle Informationen zu bekommen, was dann der Diagnosesicherung und der Behandlungsplanung dienen kann. In der Pathologie benutzen wir für mikroskopische Untersuchungen Bildanalyse-Systeme. Diese haben in der täglichen Praxis jedoch noch nicht die Fähigkeit zu lernen oder gar Bewertungen oder Diagnosen vorzunehmen.
BZ: Beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz gibt es auch das Stichwort Radiomix. Was versteht man darunter?
Tietze: Künstliche Intelligenz gewinnt in der bildgebenden Diagnostik ebenfalls zunehmend an Bedeutung. Als Radiomix bezeichnet man die Auswertung von Röntgenbildern mit statistischen und lernenden Methoden. Darüber ist es dann möglich, bestimmte Typen von Krebszellen genauer zu bestimmen, da die Unterschiede mit dem menschlichen Auge oft schwer zu erkennen sind. Auch in der Pathologie wurden in den vergangenen Jahren bereits lernende Systeme vorgestellt, die in der Lage sind, mikroskopische Bilder zu erkennen und zu bewerten, etwa bei bestimmten Formen von Lungentumoren. Bei der personalisierten Medizin, also einer auf das Individuum zugeschnittenen Behandlung, wird es künftig möglich sein, bei Krebsuntersuchungen durch eine Mustererkennung Veränderungen und auch die Therapierbarkeit eines Tumorleidens sehr viel präziser vorherzusagen.
BZ: Es gibt Ärzte, die bei der Nutzung Künstlicher Intelligenz ethische Bedenken haben. Welche Gefahren gibt es?
Tietze: Große Datenmengen, immer leistungsfähigere Rechner, unser praktisch dauerhafter Online-Status und die jetzt in den Blick kommenden Systeme Künstlicher Intelligenz haben schon jetzt einen tiefgreifenden Wandel unserer Kultur verursacht. Nutzer lernender Maschinen, die umfangreiche medizinische Daten von uns sammeln und unsere Erkrankungen speichern und sogar deren Verlauf vorhersagen können, werden über eine große Macht verfügen. In der Hand des Arztes, der im Auftrag des Patienten handelt, wird dies zum Nutzen des Erkrankten sein. In der Hand Dritter – man denke an Versicherungen, Institutionen, Arbeitgeber oder Internetdienstleister − werden diese Informationen nicht immer dem Wohle des Patienten dienen – hier ist eine frühe Diskussion und Regulierung geboten, um Missbrauch zu erkennen und rechtzeitig zu unterbinden.

Lothar Tietze ist 55 Jahre alt und seit 2004 Chefarzt des Instituts für Pathologie am Klinikum Lahr-Ettenheim. Bei Köln aufgewachsen, studierte er Humanmedizin in Düsseldorf und Wuppertal, Konstanz und Aachen. Tietze ist mit der Ärztin Ulrike Hesse-Tietze verheiratet, sie haben zwei Kinder.
Der Vortrag "Künstliche Intelligenz in der Medizin" findet heute, Montag, 25. November, um 19 Uhr im Haus zum Pflug statt. Der Eintritt ist frei.