Frauenhaus

Immer mehr Frauen in der Ortenau suchen Hilfe wegen häuslicher Gewalt

Helmut Seller

Von Helmut Seller

Di, 18. Juni 2019 um 08:31 Uhr

Offenburg

Bei der Fachberatungsstelle Häusliche Gewalt suchten vergangenes Jahr 364 Frauen Rat – fast doppelt so viele wie im Vorjahr.

Immer mehr Frauen suchen Hilfe und Unterstützung beim Verein Frauen helfen Frauen, der in Offenburg das Frauenhaus betreibt, aber auch dann mit Rat und Tat zur Seite steht, wenn Frauen und deren Kinder physische und psychische Gewalt ertragen müssen. Mit 364 Frauen haben 2018 fast doppelt so viele Frauen Hilfe bei der Fachberatungsstelle Häusliche Gewalt gesucht, wie noch vor vier Jahren. Im Frauenhaus erhielten 41 Frauen mit 48 Kindern Schutz, Begleitung und Beratung. 109 Frauen mit 141 Kindern konnten nicht aufgenommen werden.

Erweiterung rückt näher

Seit mehr als 36 Jahren engagiert sich der Verein, der neben seiner eigentlichen Arbeit immer auch mit Finanznöten zu kämpfen hat. "Die steigenden Zahlen Hilfe suchender Frauen macht deutlich, wie wichtig und notwendig die Arbeit an sich und die Erweiterung des Frauenhauses ist", heißt es im jüngsten Jahresbericht. Wie berichtet hat der Kreis einer Erweiterung um 20 Plätze zugestimmt. Das Frauenhaus in Offenburg kann damit künftig doppelt so viele Frauen aufnehmen.

Auf Wunsch des Ortenaukreises wurde die Finanzierung des Frauenhauses von der institutionellen Förderung auf Tagessatzfinanzierung umgestellt.

Damit einher ging die Zusage des Sozialausschusses und des Kreistages für die Finanzierung von 20 Frauenhausplätzen für Frauen und ihre Kinder. Die Kosten für erforderliche Renovierungsarbeiten und die Einrichtung des neuen Frauenhauses muss der Verein selbst tragen. Dafür sind laut dem Jahresbericht 2018 schon viele Spenden eingegangen.

Die ersten Umbaumaßnahmen seien in Planung, ebenso die Planung der Einrichtung. "Die Spendenbereitschaft und positive Resonanz, die wir erfahren haben, war beeindruckend", so Evelyn Krümmel, "wir konnten es kaum glauben, wie sehr die Anerkennung unserer Arbeit spürbar wurde".

Häusliche Gewalt

Häusliche Gewalt ist in den letzten Jahren stärker in das Bewusstsein der Menschen getreten, heißt es im Jahresbericht. Vor allem sei die Akzeptanz dafür, dass Gewalt in den "eigenen vier Wänden" ein Verbrechen sei und geahndet werden müsse, in der Öffentlichkeit gestiegen. Als sehr hilfreich empfinden es die Vorstandsfrauen des Vereins, dass die Zusammenarbeit der Netzwerkpartner optimiert werden konnte.

Im gesamten Ortenaukreis mit den Städten Offenburg, Lahr, Kehl, Achern und dem Kinzigtal gebe es nun Kooperationen, die institutionenübergreifend "Häusliche Gewalt" thematisierten. Vertreten sind: Polizei, Weißer Ring, Kommunaler Sozialer Dienst, Psychologische Beratungsstellen, die Schwangerenberatungsstellen von Diakonie und Caritas, Integrationsmanagerinnen- und -manager, Familiengericht und Staatsanwaltschaft, Soziale Rechtspflege und das Ordnungsamt. So könnten Hürden abgebaut, Kooperationen intensiviert, Infos ausgetauscht und vielschichtige Problemlagen gemeinsam gelöst werden.

Als wichtiges Aufgabenfeld hat sich der Verein die Prävention auf die Fahnen geschrieben, über Fachtage, Infocafés und andere Veranstaltungen wird die Öffentlichkeitsarbeit intensiviert.

Nach Bundesstatistiken suchen nur 20 Prozent der Frauen, die häusliche Gewalt erleben, Hilfe. "Unser Ziel ist daher, noch mehr Frauen zu erreichen und ihnen die notwendige Beratung, Unterstützung und Schutz anbieten zu können", so die Vorstandsfrauen.
Weitere Informationen und Kontakt über
http://www.fhf-ortenau.de

Finanz-Standbeine

Das "Frauenhaus-Lädele" und die Bücherflohmärkte in Offenburg sind längst feste Bestandteile zur Mitfinanzierung der Vereinsarbeit. "Sie glauben nicht, was bei uns abgegeben wird, an Schätzen aus Speicher, Küche, Keller und aus der Schmuckschatulle", sagt Karin Treeck, die als Vorstandsfrau eine der Lädelemacherinnen ist. Das Lädele ist unter anderem seit Jahren ein verlässliches finanzielles Standbein für Frauen helfen Frauen Ortenau.

Ein weiteres sind die Bücherflohmärkte, die von der AG "Stadtplanung aus Frauensicht" zweimal jährlich im KiK, Kultur in der Kaserne, organisiert werden. Unglaublich was ehrenamtlich erwirtschaftet werden kann", sagt dazu Miriam Sanner und fügt hinzu, dass der Bücherflohmarkt über die Jahre einen "großen Kraftakt" fordert, der durch die Pfadfinder vom Stamm Albert Schweizer und weitere Helfer aber gut zu stemmen sei. "Und die Organisation und die Lokalität im Kulturforum sind eben absolut einmalig. "Für den Verein bleiben die Finanzen eine Herausforderung: 2018 wurden 36,6 Prozent durch Eigenmittel finanziert – dazu zählen Spenden, zugewiesene Bußgelder, Mitgliedsbeiträge, Erlöse des Frauenhauslädeles, der Bücherflohmärkte und Benefiz-Aktionen.

Die Arbeit mit den Kindern ist so was wie ein Herzstück der Mitarbeiterinnen im Frauenhaus und der Fachberatungsstelle. Sie wissen: Wenn das Erleben häuslicher Gewalt nicht aufgearbeitet werden kann, so ist es hoch wahrscheinlich, dass die erwachsen gewordenen Menschen das Erlebte tradieren. Sie würden entweder Opfer oder Täter – die Mädchen/Frauen eher Opfer, und zwar laut Jahresbericht in 80 Prozent aller Fälle häuslicher Gewalt, die Jungen beziehungsweise Männer dagegen eher Täter. Die Begleitung der Kinder sowie Präventionsangebote in Einrichtungen für Kinder wie Kindergärten und Schulen seien zentrale Aufgaben auch für die Zukunft.
Hilfe für Frauen

Von 33 Frauen, die 2018 aus dem Offenburger Frauenhaus ausgezogen sind, waren 15 zwischen einem und 30 Tagen im Haus; 16 Frauen waren einen Monat bis zwölf Monate untergebracht, zwei etwas länger als ein Jahr. Junge Frauen waren am stärksten vertreten: 36 Frauen zwischen 18 und 39 Jahren mit eher kleinen Kindern. Von den Frauen, die wegen Häuslicher Gewalt die Fachberatung aufsuchten, stammten 79 Prozent aus dem Ortenaukreis. Bei 73 Prozent der Frauen waren die Ehemänner oder Lebensgefährten die Täter. 71 Frauen wurden bis zu einer Woche begleitet, 58 Frauen bis zu 30 Tagen, elf bis zu drei Monaten, sieben bis zu einem Jahr.