Ziel: Mädchen für Technik begeistern

Christine Storck-Haupt

Von Christine Storck-Haupt

Mi, 10. Juli 2019

Offenburg

Seit zehn Jahren ist die Girls’ Day Akademie ein Baustein der außerschulischen Berufsorientierung.

ORTENAU (tor). Mathe, Informatik, Naturwissenschaft und Technik: Seit zehn Jahren ist die Girls’ Day Akademie in der Ortenau ein Baustein der außerschulischen Berufsorientierung ab der 8. Klasse. Rund 130 Mädchen haben seither ein Schuljahr lang in so genannte MINT-Berufe hineingeschnuppert, sagte die regionale Projektleiterin Heidi Hornickel bei einem Pressegespräch. Das Ziel der Akademie: unbekannte Tätigkeitsfelder aufzeigen, Hemmschwellen senken, die Möglichkeit bieten herauszufinden, wo jobmäßig die Reise hingehen soll.

"Ich möchte Biochemie studieren. Das ist mir durch die Girls’ Akademie klar geworden", sagte Judith Kunkel. Die 16-jährige Schülerin aus Oberkirch war vor zwei Jahren Teilnehmerin des vor allem in Baden-Württemberg und Bayern aktiven Projekts, das als Kooperationsmodell von Schule, Wissenschaft und Wirtschaft junge Mädchen für Technikberufe begeistern will. Ein Schuljahr lang – 120 Stunden – konnte sie Workshops und Exkursionen besuchen oder Praktika bei Unternehmen machen. Im Ortenaukreis sind es bis zu 18 Teilnehmerinnen, vorwiegend 8. und 9. Klasse der Gymnasien, die jedes Jahr wieder kostenlos an der Girls’ Day Akademie aufgenommen werden. Finanziert wird das Projekt unter anderem von der Agentur für Arbeit. Kooperationspartner sind Unternehmen der Region, die Hochschule Offenburg und andere Bildungseinrichtungen.

"Mich hat besonders der Bereich Verfahrenstechnik interessiert", erzählte Judith Kunkel. Und weil Biochemie ihr Traum wurde, habe sie sich eben diese Fächer auch als Schwerpunkt für die Oberstufe ausgesucht. "Vor der Girls’ Day Akademie war mir das nicht klar. Das Jahr bedeutet zwar großen Zeitaufwand, aber ich würde es jedem empfehlen", sagte sie. Das findet auch Ida Hillenbrand aus Offenburg, die aktuell an der Akademie eingeschrieben ist. "Jetzt könnte ich mir auch einen späteren Beruf im MINT-Bereich vorstellen", sagte die Achtklässlerin am Schillergymnasium. Wie viele der 130 Mädchen in den vergangenen zehn Jahren beruflich tatsächlich in diese Richtung gegangen sind, lasse sich laut Heidi Hornickel zwar nicht genau sagen, aber eine Evaluierung für die Zukunft sei geplant. "Selbst, wenn sie sich dagegen entscheiden, ist dies ein Schritt in der Berufsorientierung", ergänzte Horst Sahrbacher, Chef der Arbeitsagentur. Im Vordergrund stehe das Aufzeigen von Chancen, gerade in Zeiten, in denen Unternehmen händeringend nach Fachkräften suchen. Die Zahl der unbesetzten Stellen in der Ortenau sei in den vergangenen zehn Jahren laut Statistik um 129 Prozent gestiegen, während die Anzahl der noch unversorgten Bewerber um mehr als 30 Prozent zurückgegangen sei: "Eine Idee der Girls’ Akademie war, rechtzeitig gegenzusteuern." Neben dem Ziel, Begeisterung für die Welt der Naturwissenschaften, der Technik und des Handwerks zu wecken, vernetze die Akademie Schule, Hochschule, Wirtschaft und außerschulische Lernorte. Nach Ende des Jahres bekommen die Mädchen ein Zertifikat – nachzulesen die erlernten Inhalte und die beteiligten Kooperationspartner, was eine spätere Bewerbung erleichtern kann.

"Bei uns coachen die Azubis die Schülerinnen", berichtete Klaus Trayer, Ausbildungsleiter bei Doll Fahrzeugbau in Oppenau, das sich seit zehn Jahren an der Girls’ Akademie beteiligt. Zwei bis drei Termine fänden im Unternehmen statt. In Zukunft sollen auch die Ingenieurberufe verstärkt einbezogen werden. Auch die Hochschule ist seit einem Jahrzehnt mit im Boot. "Je höher bei uns der Informatik- oder Technikanteil in einem Studienfach, desto weniger Mädchen gibt es", sagte Prorektor Thomas Breyer-Mailänder. In Asien sei dies komplett anders.