Pässe

Der Meisterfälscher Adolfo Kaminsky rettete zahllose Leben

Michael Neubauer

Von Michael Neubauer (Text)

Sa, 04. April 2015 um 00:00 Uhr

Panorama

Er gilt als einer der größten Fälscher des 20. Jahrhunderts: 30 Jahre lang versorgt Adolfo Kaminsky Verfolgte weltweit mit gefälschten Pässen – und rettet so ihr Leben. Ein Besuch in Paris.

Er zieht den weißen Fenstervorhang zu. Das helle Licht von draußen blendet sein krankes linkes Auge hinter der großen Brille. Auf dem rechten ist er bereits blind. Fälscherarbeit ist Augenarbeit.

Jahrzehntelang blickte dieses Auge durch Lupen, Kamerasucher, Mikroskope. "Ich habe es ruiniert", sagt Adolfo Kaminsky und setzt sich an den großen Tisch im Wohnzimmer. Seine Tochter Sarah telefoniert in der Küche. Seine Frau Leila bringt eine Tasse Tee. "Kann ich noch ein Stück Zucker haben?", bittet er sie. Leila bringt die Zuckerdose und lächelt ihn an.

Adolfo Kaminsky: der größte Fälscher des 20. Jahrhunderts
Der Mann, der als einer der größten Fälscher des 20. Jahrhunderts gilt, der fast dreißig Jahre lang im Untergrund arbeitete, der für Juden und politisch Verfolgte in der ganzen Welt Dokumente fälschte: Er verwendet seine letzte Sehkraft auf die Entwicklung und Archivierung seiner Fotos aus früheren Zeiten.

Kaminskys langer schlohweißer Bart hebt sich leuchtend ab gegen seinen schwarzen Pulli, unter dem er ein weißes Hemd trägt. Am Gürtel seiner schwarzen Jeans hängt ein Handy. Er zeigt unter den Tisch, auf seine schwarzen Hausschuhe. Der rechte hat ein ausgefranstes Loch. "Den hab ich aufgeschnitten, wegen der Schmerzen im Fuß." Sie verleiden ihm das Spazierengehen. Der Weg zum Eiffelturm wenige Minuten von seinem Pariser Appartement entfernt ist zu beschwerlich.

Aber über das Alter und seine Krankheiten will der 89-Jährige nicht lange reden. Lieber über seine Fotos. Sie hängen an den Wohnzimmerwänden. Schwarzweiße Paris-Motive. Gerade hat er mit Hilfe seiner Tochter eine Ausstellung gestaltet. "Kommen Sie!" Kaminsky steht auf und geht mit kleinen hastigen Schritten vor. "Ich habe viele Fotos, die ich sehr mag und die noch niemand gesehen hat."

Er hat sich für seine Dienste nie bezahlen lassen
Am Ende des dunklen Flurs öffnet er eine Tür. Ein zugestellter Duschraum, gerade mal vier Quadratmeter groß: sein Fotolabor. Das Fenster verdunkelt mit schwarzem Papier. Flaschen mit Chemikalien auf der Spiegelablage, Schachteln voller Negative. Im Duschbecken liegen Plastikwannen zum Entwickeln. Er schaltet die kleine Leuchtwand ein, an der er seine Negative anschaut. Er greift in eine Ilford-Schachtel, das Schutzpapier raschelt. Er zieht Negative heraus. In seiner ...

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