Schweden / Dänemark

Explosionsserie schreckt Skandinavien auf

dpa

Von dpa

Mi, 30. Oktober 2019 um 22:08 Uhr

Panorama

Die Polizei geht von Tätern aus dem Bandenmilieu aus: In Schweden und Dänemark kommt es immer wieder zu Detonationen.

KOPENHAGEN/STOCKHOLM (dpa). Seit diesem Sommer kommt es vor öffentlichen und privaten Gebäuden in Schweden und Dänemark immer wieder zu Explosionen. Die vorsätzlich herbeigeführten Detonationen richten Schäden an, aber nur selten werden Menschen verletzt. Ein Experte meint, dass es den Tätern um etwas anderes als Personenschäden geht.

Diesmal: Helsingborg. Vor einem Wohnhaus im Osten der schwedischen Stadt gab es am Sonntag mitten in der Nacht eine Explosion, Fenster sind geborsten, verletzt wurde niemand. Tatverdächtige? Bisher nicht auszumachen, sagt eine Polizeisprecherin. Vor einiger Zeit hätte diese Nachricht im hohen Norden noch Aufsehen erregt. In den Ohren der Schweden klingt sie mittlerweile aber wie täglich Brot: Inzwischen kommt es dort außergewöhnlich oft zu solchen Vorfällen.

Nur selten geraten Menschen in Gefahr

Die vorsätzlich herbeigeführten Explosionen richten Schäden an, aber nur selten geraten Menschen in Gefahr, wie bei einer besonders heftigen Detonation vor einem Mehrfamilienhaus in Linköping im Juni. Mal explodieren modifizierte Feuerwerkskörper, mal Objekte mit wirklichem Sprengstoff. Große Städte wie Stockholm und Göteborg sind ebenso betroffen wie mittelgroße und kleinere Städte. Auch das dänische Kopenhagen erlebte in diesem Jahr bereits 15 Explosionen. Anfang August rumste es heftig vor der dänischen Steuerverwaltung. Die Folge: erhebliche Schäden an Fassade und Fenstern. Eine Person wurde von Bruchstücken getroffen. Ein Verdächtiger wurde gefasst, nach einem anderen wird gefahndet – beide laut Polizei junge Schweden.

In anderen Fällen wurden auch nach Monaten keine Täter ausgemacht. Die Polizei vermutet die Hintergründe im Bandenmilieu, denn sowohl Schweden als auch Kopenhagen haben ein Problem mit Gangs, die um Einfluss und Herrschaftsgebiete ringen. Stammen die Täter wirklich aus diesen Kreisen, dann scheint es ihnen vor allem um zwei Dinge zu gehen: Aufmerksamkeit und das höchstmögliche Maß an Angst bei ihren Rivalen.

"Wir sehen in der kriminologischen Geschichte, dass solche Sprengstoffanschläge die höchste Form der Aufmerksamkeit bieten. In den letzten 20 Jahren hat das noch einmal zugenommen", sagt Martin Rettenberger, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. Organisierte Gruppen wollten zeigen: "Seht her, wir sind zu allem in der Lage. Und wir treiben die Sicherheitsbehörden vor uns her."

In der Bevölkerung könnte die Häufung der Explosionen zu Unsicherheit führen. "Es kann jeden immer treffen", sagt Rettenberger. Er warnt zugleich davor, der scheinbar zufälligen Wahl der Angriffsziele – Privathaus, Polizeiwache, Steuerbehörde – vorschnell auf den Leim zu gehen. Manche Orte könnten staatliche Institutionen symbolisieren.

306 Schießereien und 162 Sprengungen in einem Jahr

2018 gab es in Schweden laut Regierungsangaben 306 Schießereien und 162 Sprengungen, dieses Jahr dürften die Zahlen noch höher ausfallen. Selbst Schwedens König Carl XVI. Gustaf ist beunruhigt: "Die Besorgnis, die solche Taten bei der Öffentlichkeit hervorrufen, wird von mir und meiner Familie geteilt", erklärte der Monarch.

Sowohl die schwedische als auch die dänische Regierung steuern nun gegen. Schwedens Innenminister Mikael Damberg machte 34 Vorschläge zum Kampf gegen die Bandenkriminalität, mit ihnen befasst sich nun das schwedische Parlament. Sprengstoffdelikte sollen etwa mit höheren Strafen geahndet werden. Dänemark führt zum 12. November vorübergehende Kontrollen an der Grenze zu Schweden ein. Am Dienstag machte Regierungschefin Mette Frederiksen nach einem Treffen mit ihrem schwedischen Kollegen Stefan Löfven klar: "Wir werden nicht akzeptieren, dass sich organisierte Kriminelle über den Öresund bewegen." Deshalb solle die Zusammenarbeit mit den Schweden ausgeweitet werden.