Kulturleistung

Homo Müllensis: Kleine Geschichte des Abfalls

Jürgen Reuß

Von Jürgen Reuß

Sa, 13. August 2016 um 00:00 Uhr

Panorama

Von Beginn an ist die Geschichte der Menschheit auch eine Geschichte des Abfalls. Dieser erlaubt nachfolgenden Generationen Rückschlüsse auf Lebensgewohnheiten des Menschen.

Solange es den Menschen gibt, macht der Mensch Müll. Und hinterlässt ihn. Auch das ist gewissermaßen eine Kulturleistung. Denn der Müll – von dem der Mensch immer glaubt, er sei weg, der aber immer da ist – erlaubt nachfolgenden Generationen Rückschlüsse auf seine Lebensgewohnheiten. Und er stiftet ganz neue Freundschaften, wie unser Autor belegt, zum Beispiel die Freundschaft zwischen Mensch und Wolf, pardon, Hund.

Mensch und Müll pflegen eine enge Beziehung. Erdgeschichtlich sind sie von Beginn an unzertrennlich. Als der amerikanische Paläo-Anthropologe Donald Carl Johanson und sein Forschungsassistent Tom Gray am 24. November 1974 in Kada Hadar, Äthiopien, ein 3,18 Millionen Jahre altes weibliches Hominidenskelett finden, begeistert sie zunächst das Kniegelenk. Es zeigt, dass das Affenweibchen bereits einen wichtigen Evolutionsschritt vollzogen hatte: Es ging aufrecht.

Wichtiger ist jedoch, dass man am gleichen Ort und im nahe gelegenen Kada Gona weitergräbt und in jüngeren, etwa 2,9 bis 2,3 Millionen Jahre alten Schichten Abfall findet – in Form von Knochenbruchstücken, Steinartefakten und Ähnlichem. Offenbar haben die Hominiden neben dem aufrechten Gang inzwischen auch andere menschliche Verhaltensweisen ausgeprägt: Sie lassen sich an gemeinsamen Lagerstätten nieder, fertigen Werkzeuge – und sie stellen den Müll vor die Tür. Genauer gesagt: Sie werfen Essensreste und Werkzeugabfälle unmittelbar neben ihren Lagerstätten auf einen Haufen. Diese Entdeckung liefert den entscheidenden Hinweis, dass die Evolution ernsthaft dabei ist, so etwas wie Menschen hervorzubringen. Die einsetzende Koexistenz von Hominiden und Müll ist der äußere Beleg für den Übergang vom Affen zum Mensch.

Spätere, auf 1,8 Millionen Jahre v. Chr. datierte Funde in der als "Wiege der Menschheit" bezeichneten Olduvai-Schlucht in Tansania bestätigen das traute Miteinander von Mensch und Müll: Auch der Homo habilis der Olduvai-Schlucht wirft Essensreste ...

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