Tanzen gegen Bolsonaro

Tobias Käufer und dpa

Von Tobias Käufer & dpa

Mo, 11. März 2019

Panorama

Parade der Sambaschulen beendet Karneval in Rio de Janeiro / Regierungskritik bei Umzügen.

RIO DE JANEIRO. Der Jubel in der Mangueira kannte keine Grenzen, als feststand, dass die traditionsreichste Sambaschule Rio de Janeiros die Meisterschaft für das Jahr 2019 eingefahren hatte. Am Samstag feierte sie unter den sechs besten Sambaschulen bei der letzten Parade den bunten Abschluss von Karnevalstagen, die in die Geschichte Brasiliens eingehen werden.

Jede Sambaschule darf bei den während der Karnevalszeit stattfindenden Paraden ein Thema wählen. Die Mangueira widmete ihren Auftritt der Kolonialgeschichte Brasiliens – und der ermordeten Stadträtin Marielle Franco.

Die lesbische, afrobrasilianische Linkspolitikerin hatte sich in den Favelas für die Rechte der schwarzen Bevölkerung eingesetzt. Bis zu ihrem Tod war Franco eine in ihrem Umfeld zwar bekannte, aber eben nur lokal in Erscheinung getretene Politikerin. Seit ihrem Tod vor gut einem Jahr ist aus ihr posthum eine Märtyrerin geworden, die inzwischen im ganzen Land bekannt ist.

Monica Benicio, Francos Lebensgefährtin, tanzte jenen letzten Block, der Persönlichkeiten aus den Favelas würdigte, die für ihren sozialen Einsatz verehrt werden. Auch die eigens dafür komponierte Musik war ein eigenes Denkmal: "Brasilien, es ist der Moment gekommen, die Marias, Mahins, Marielles, Males zu hören", heißt es in dem Refrain. Es sind die Namen jener politisch engagierten Frauen mit afrikanischen Wurzeln, die zu ihren Lebzeiten für die Rechte der Unterdrückten und Benachteiligten gekämpft haben.

Zu den zahlreichen Straßenumzügen kamen viele Menschen in Regenbogenfarben und setzten so ein Zeichen für sexuelle Vielfalt. Andere demonstrierten mit Plakaten oder Gesängen gegen den rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro, der wiederholt mit frauenfeindlichen, rassistischen und homophoben Aussagen massive Kritik hervorrief.

Doch es gab auch den anderen Karneval. Jenen in den Vierteln der weißen Mittel- und Oberschicht, wo die Masken von Bolsonaro und des Anwaltes und Justizministers Sérgio Moro ein Hit waren. Dort ist der Tenor, dass der Präsident mithilfe des als Nationalheld geltenden Moro die korrupten Politiker vertrieben habe, allen voran die Linke, die Brasilien von 2003 bis 2016 regierte. Zunehmend größer wird auch der Einfluss der evangelikalen Kirchen. Sie rufen zum Alkoholverzicht auf und preisen Jesus.

Präsident Bolsonaro selbst sorgte mit der Verbreitung eines Videos für eine heftige Debatte. Es zeigt einen leichtbekleideten Mann, der auf einem Wartehäuschen tanzt und sich später von einem zweiten Mann auf den Kopf urinieren lässt. Im Vokabular der Pornografie ist das eine "Golden Shower". Bolsonaro fragte anschließend seine Twitter-Gemeinde, was denn ein "Golden Shower" sei und rief seine Landsleute dazu auf, Prioritäten zu setzen. Seine Anhänger werteten das Video als Beleg für den Sittenverfall beim brasilianischen Karneval. In seiner eigenen Wahlbasis, dem christlich-fundamentalistisch geprägten Brasilien, dürfte Bolsonaro mit seiner Kritik Pluspunkte gesammelt haben. Der überwiegende Teil der Umzüge war allerdings regierungskritisch. Der Karneval in Rio de Janeiro wird zu einer politischen Demonstration.