Die Stunde der Frauen

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 22. März 2019

Literatur & Vorträge

Preis der Leipziger Buchpreis für Belletristik an Anke Stelling.

Es sieht ganz so aus, als könne diese Leipziger Buchmesse im Zeichen der Frauen stehen. Den Preis für Europäische Verständigung erhielt zum Auftakt des Bücherfests die russisch-amerikanische Publizistin und Autorin Masha Gessen, die als Jüdin und Partnerin einer Frau in einem doppelten Spannungsverhältnis zur Mehrheitsgesellschaft steht – vor allem solange sie in Russland lebte, das sie 2013 wegen der sich verschärfenden Stimmung gegen Homosexualität wieder verließ. Und den Preis der Leipziger Buchmesse in der Königsdisziplin Belletristik erhielt gestern Abend in der Glashalle auf dem Messegelände die Berliner Autorin Anke Stelling für ihren Roman "Schäfchen im Trockenen" (BZ vom 16. März). Außerdem kamen in der Kategorie Übersetzung, wenn man so will, gleich zwei Frauen zum Zuge: Eva Ruth Wemme hat 30 Jahre nach dessen Erscheinen Gabriela Adamesteanus Roman "Verlorener Morgen" vom Rumänischen ins Deutsche übertragen (BZ vom 16. März).

Die Kategorie Sachbuch zeigte sich dagegen nach wie von Männern dominiert: Vier nominierten Autoren stand eine Autorin gegenüber. Ausgezeichnet wurde Harald Jähner, der ehemalige Feuilletonchef der Berliner Zeichung, für seine Schilderung der deutschen Nachkriegsjahre. "Wolfszeit" (BZ vom 1. März) dokumentiere die Selbstbehauptungsstrategien der geschlagenen Nation nach der Stunde Null, so die Jury. Jähners Darstellung werfe ein neues Licht auf diese Zeit. Sie rekonstruiere Alltagsgeschichte, in der Dingen wie dem Nierentisch exponierte Bedeutung zukämen. Und weil der Kulturjournalist offenbar ein eleganter Erzähler ist, zitierte Jury-Mitglied Marc Reichwein in seiner Laudatio eine Passage über das zentrale Möbelstück der fünfziger Jahre, das mit seinen abstehenden Beinen und "grazilen Schühchen" der Gegenentwurf zum Monumentaldesign der Nationalsozialisten gewesen sei.

An solchen Details geht einem mitunter eine größere Erkenntnis auf als an groß angelegten Überblicksdarstellungen. Jähners Buch setzte sich unter anderem gegen Frank Biess’ "Republik der Angst" und Kia Vahlands zum 500. Geburtstag des italienischen Universalkünstlers erschienene Studie "Da Vinci und die Frauen" durch – der Preis dafür hätte den Frauentriumph komplett gemacht. An Jähners originellem Zugang zur deutschen Nachkriegszeit ging aber offenbar kein Weg vorbei.

Ob man das von Anke Stellings Roman auch sagen kann? Immerhin ging die Autorin des kleinen Berliner Verbrecher Verlags mit Kenah Cusanits hochgelobtem historischem Archäologie-Roman "Babel", Matthias Nawrats leisem Berlin-Roman "Der traurige Gast", Jaroslav Rudis’ osteuropäischer Roadnovel "Winterbergs Reise" und Feridun Zaimoglus feminstischem Roman "Die Geschichte der Frau" ins Rennen. Indes: Die widerborstige Suada einer Schriftstellerin und vierfachen Mutter gegen die Berliner Ökoschickeria, die sich im Wohlstand eingerichtet und ihre Schäfchen längst ins Trockene gebracht hat, überzeugte die Jury als "scharfkantiger Roman, der weh tun will und weh tun muss, der den Kopf freimacht für klareres Denken, der uns zum Hinsehen zwingt und verunsichert". Mit anderen Worten: als ein Text in der Tradition der Aufklärung, die in diesen Zeiten, in denen irrationale Haltungen wie Nationalismus und Rassismus Konjunktur feiern, mehr denn je gefordert ist. Die Aufklärung, die Stelling betreibt, ist jenseits des Anspruchs, der Mensch möge sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien, Aufklärung über die sozialen Verhältnisse: Es geht, höchst aktuell, um die Verteilung von Wohnraum in Berlin.

Es macht das Besondere des Leipziger Buchpreises aus, dass er in drei Kategorien vergeben wird: Ihm liegt, wie Jury-Präsident Jens Bisky hervorhob, eine umfassende Idee von Literatur zugrunde, die bei ihrem Bestreben, sich "einen Reim auf die Welt zu machen", nicht zwischen Fiction und Nonfiction unterscheidet und sich im emphatischen Sinn an ein allgemeines Publikum wendet.

Den Übersetzern und Übersetzerinnen, die den Reim, der in anderen Sprachen auf die Welt gemacht wird, vernehmbar machen, wird in den letzten Jahren zunehmend Respekt gezollt. Die Leipziger Buchmesse ist hier Vorreiterin. Zum 15. Mal ehrt sie in diesem Jahr deren Leistung: In den gesellschaftlichen Kosmos Rumäniens im 20. Jahrhundert, wie ihn Gabriela Adamesteanu in ihrem Hauptwerk vielstimmig entfaltet, kann man jetzt auch hierzulande eintauchen. Wie schön.