Fahrerlebnis der Stufe 5

Fabian Hoberg

Von Fabian Hoberg (dpa)

Sa, 08. Juni 2019

Auto & Mobilität

Wenn das Auto sich selbst lenkt / Was sich wie Zukunftsmusik anhört, ist teilweise schon Realität.

Die ersten autonom fahrenden Busse rollen schon heute über die Straßen. Das ist aus Sicht der Experten erst der Anfang. Doch was ist das für ein Gefühl, wenn die Maschine das Kommando übernimmt?

Der Wagen gleitet leise los. Der Mercedes-Van hat weder Pedale noch Lenkrad. Joystick und Not-Aus-Knopf stecken in der Mittelkonsole – für alle Fälle. Sonst fährt das Versuchsfahrzeug des Automobilzulieferers ZF selbstständig, wie von Geisterhand.

"Wir wollen Treiber des nächsten Mobilitätsschrittes sein, der elektrisch und autonom sein wird", sagt der ZF-Chef Wolf-Henning Scheider anlässlich der Präsentation des völlig selbstständig fahrenden Wagens der Autonomiestufe 5.

Bei Stufe-4-Fahrzeugen steuert ein Computersystem das Auto und der Fahrer greift nur noch ein, wenn das System ausfällt. Deshalb sind in Stufe-4-Fahrzeugen noch Lenkrad, Pedale oder ein Joystick montiert. Bei Autos der Stufe 5 entfallen diese Bauteile.

In ein paar Jahren soll der Traum vom fahrerlosen Auto auf den Straßen Wirklichkeit werden, etwa in Form von Robotaxen. "Dafür muss das autonome Fahren 100-mal besser sein als das menschliche Fahren. Es muss absolut sicher sein. Nur dann wird es akzeptiert", sagt Scheider. Vorerst geht es nur auf einem abgesperrten Parcours.

Wie ist es, in einem Auto zu sitzen, das gänzlich selbstständig fährt? Es ist zunächst ein seltsames Gefühl, wenn man vorne links sitzt und das Lenkrad fehlt. Das Anfahren würden selbst Fahranfänger feinfühliger hinbekommen, das Bremsen und Lenken ebenso. Der Roboter-Van ändert abrupter die Geschwindigkeit und gefühlt eckiger die Richtung, als es menschliche Fahrer täten. Dennoch zieht das autonome Auto präzise seine Bahn, bremst vor Hindernissen, welche plötzlich vor ihm auftauchen.

Nach ein paar Runden lässt die Nervosität nach, die Mitfahrer vorne fangen an, auf ihren Smartphones Nachrichten zu lesen. Kein mulmiges Gefühl mehr, kein kontrollierender Blick auf die Straße. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass das Versuchsfahrzeug auf einem abgesperrten Areal und nur rund 20 km/h schnell fährt.

Doch es geht auch schneller. Der Cadillac CT6 mit dem integrierten System Super Cruise fährt heute bereits mit bis zu 85 Meilen pro Stunde (rund 137 km/h) über ausgewählte nordamerikanische Freeways. Per Tastendruck lässt sich die Lenkhilfe aktivieren. Der Fahrer kann die Hände vom Lenkrad nehmen. Doch bei so einer hohen Geschwindigkeit fährt dennoch die Angst mit. Permanent hat man das Gefühl, eingreifen zu müssen, die Hände schweben immer über dem Lenkrad, obwohl das Auto sauber die Spur hält. Während der zweistündigen Fahrt erlaubt sich das mit Kameras, Lidar sowie einem präzisen GPS und Kartenmaterial ausgerüsteten Auto keinen Fehler. Derzeit bietet Cadillac das Stufe-3-System nur in den USA und Kanada an, aktiv wird Super Cruise bislang auf rund 215 000 Straßenkilometern in diesen beiden Ländern.

Beim hochautomatisierten Fahren in Stufe 3 lenkt sich das Auto selbst, der Fahrer kann sich einige Zeit anderen Dingen widmen. Er muss aber jederzeit in der Lage sein, ins Fahrgeschehen eingreifen zu können. Der aktuelle Audi A8 könnte heute schon nach Stufe 3 fahren, wenn er dürfte, die nächste Mercedes S-Klasse soll es auch können.

Bisher erlaubt der Gesetzgeber solche Fahrerassistenzsysteme in Deutschland jedoch nicht. Die bisherigen autonom fahrenden Autos sind Versuchsfahrzeuge und dürfen lediglich in einigen Bundesländern auf besonderen Strecken unterwegs sein. Hinter dem Lenkrad sitzt meist ein Sicherheitsfahrer, der zur Not eingreifen kann.

In der Stadt Monheim am Rhein etwa können Passagiere das Gefühl ab Herbst 2019 erleben. Dann, wenn sie in einen Minibus einsteigen, der vom Busbahnhof Richtung Altstadt fährt. Alle zehn Minuten transportiert dann so ein Bus im fließenden Verkehr mit bis zu 20 km/h die Passagiere, eine Begleitperson ist an Bord und kann im Notfall per Knopfdruck das Gefährt stoppen.

Im bayerischen Bad Birnbach fährt ein ähnlicher Bus bereits im Linienbetrieb eine Strecke von 1,4 Kilometern mit bis zu 15 km/h, er transportiert bis zu sechs Personen.

Für Ende des Jahres plant ZF mit dem Aachener Start-up e.Go Mobile den Minivan Mover. Der Kleinbus soll zehn Personen aufnehmen und bis zu zehn Stunden elektrisch fahren. "Das ist kein Konzept, das kommt dieses Jahr auf den Markt", sagt ZF-Chef Scheider. Vorerst mit einem Sicherheitsfahrer an Bord. Zur Beruhigung nervöser Passagiere.