BZ-Ferienaktion in Emmendingen

Kaiser-Wilhelm-Gurken und vieles mehr: Plädoyer für alte Obst- und Gemüsesorten

Benedikt Sommer

Von Benedikt Sommer

Do, 15. August 2019 um 18:22 Uhr

Haus & Garten

Der Samengarten von Jürgen Wehrle in Emmendingen fasziniert: 50 Leserinnen und Leser informierten sich bei der BZ-Ferienaktion die neue – und zugleich alte – Vielfalt der Nutzpflanzen.

Die Wahrheit über unser Essen ist ernüchternd: Zwölf Pflanzenarten liefern 75 Prozent unserer Nahrung. Weizen, Mais und Reis müssen die Hälfte des globalen menschlichen Energiebedarfs bereitstellen. Die Entwicklung ist alarmierend, der Verlust an Biodiversität laut Weltgesundheitsorganisation WHO gemeinsam mit Klimawandel und Wüstenbildung eine Gefahr für die Ernährungssicherheit. Wie stark dieses Thema die Menschen umtreibt, zeigt die große Resonanz auf die BZ-Aktion. Mit 50 Anmeldungen fand Wehrles Betrieb bislang die meisten Interessenten.

Der 57-jährige Gemüsegärtner produziert seit 2006 in Emmendingen alte, seltene oder auch nur viel versprechende Gemüsesorten und vertreibt das Saatgut über das Netz und den Katalog der Erzeugergemeinschaft Dreschflegel. Er bearbeitet 3000 Quadratmeter an drei Standorten. Weil die Besuchergruppe so groß ist, teilt sie Wehrle; Mitarbeiterin Kaya Berger bricht mit der Hälfte zu einer Tour durch die Gemüsereihen auf.

"Unsere größten Probleme sind der Platz und die fehlenden Betriebsgebäude", erklärt der Gärtner. Dafür ist das etwa 1000 Quadratmeter große Gelände in Emmendingen schön bunt und verlockend vielfältig. Dahlien blühen zwischen den Gemüsereihen, Buchweizen lockt Bienen an. Die prächtige violette Bohnenwand hinter Artischockenblüten ist ein optischer Genuss. Ein Folientunnel dient zum Trocknen und für den Anbau besonders wärmeliebender Pflanzen. "Alle Pflanzen müssen auch im Freiland funktionieren", sagt Wehrle, "aber auf Grund unseres Standorts sind wärmeliebende Pflanzen wie etwa Melonen unsere Spezialität".

Hinten im Folientunnel trocknen in riesigen Netzen Radieschensamen. Wegen der Feuchtigkeit und den Mäusen dürfen sie keinen Bodenkontakt haben. Zehn bis 30 Kilo Samen brauche er im Jahr, drei Gramm seien in einem Tütchen, sagt Wehrle. Allein für das Dreschen der Samen brauche es Erfindungsgeist und spezielle Maschinen. Daheim sei der ehemalige Heizungskeller zum Samenlager umgebaut worden, im Schopf werde gedroschen und zum Teil abgefüllt. "Alles, was kullert" könne eine alte Maschine erledigen – bei Gurken, Melonen und Kürbisse wäre das schon schwieriger. Auch Kreuzungen und Neuzüchtungen interessieren Wehrle, auch wenn er das rigide "Saatgutverkehrsgesetz" aus den dreißiger Jahren beklagt, das nur eine begrenzte Sortenzahl zulässt und Neues verbietet. Beim Basilikum etwa gebe es keine Einschränkungen. Auch daher experimentiere er gerade an einer bunten Basilikummischung. Ein Salatmix aus Südfrankreich sei ebenfalls bald marktreif. Zwischendurch gibt Wehrle immer wieder Tipps. Hobbygärtnern legt er etwa den einfachen Anbau von Schalotten nahe. "Da essen Sie die Größten, und die Kleinsten stecken Sie für die Ernte im nächsten Jahr."

Währenddessen pflückt Kaya Berger auf ihrer Tour durch das Feld eine mittelgroße braune, rübenförmige Frucht. "Das ist kein Kürbis und keine Zucchini", überlegt eine Besucherin. "Das ist eine Gurke", löst Berger das Rätsel. Genauer: die alte Sorte "Kaiser Wilhelm". Berger schneidet zum Verkosten kleine Stücke ab. Sehr säuerlich schmeckt das. "Eher was zum Schmoren", lautet die Reaktion des Publikums. Da gefällt die daneben wachsende "Tanja" eindeutig besser.

Die Besucher sind begeistert. "Toll", sagt eine Frau mit drei ganz verschieden schmeckenden Gurken in den Händen. "Bisher habe ich immer nur Standardsorten angebaut", erzählt eine Elzacherin, die zuhause einen Bauerngarten hat, "jetzt möchte ich mehr ausprobieren". Ein Emmendinger kommt ins Philosophieren: "Das ist die Zukunft, eigener Anbau und den Geschmack neu entdecken". Heinrich Bleile aus Heimbach schwärmt: "Ich finde die BZ-Aktionen super. Da lernt man immer was dabei."