Nandus

Am Fluss Wakenitz bei Lübeck kann man südamerikanische Laufvögel bestaunen

Florian Sanktjohanser

Von Florian Sanktjohanser (dpa)

Mo, 10. Juni 2019 um 08:00 Uhr

Reise

Die Wakenitz bei Lübeck fließt durch eine vielfältige Flora und Fauna – in der es auch Nandus zu entdecken gibt. Sechs der straußenähnlichen Vögel sind im Jahr 2000 aus einem Gehege ausgebüxt.

Was für eine unhanseatische Anmaßung, was für ein billiger Werbegag – ein Flüsslein bei Lübeck "Amazonas des Nordens" zu nennen. So mag mancher Gast denken, der an die Wakenitz reist und die Tourismusbroschüren gelesen hat. Bis er auf der Straße scharf bremst und Nandus über die Wiesen staksen sieht. Laufvögel aus, ja genau: Südamerika.

Sechs der straußenähnlichen Vögel sind im Jahr 2000 aus einem Gehege ausgebüxt, seitdem haben sie sich prächtig vermehrt. Etwa 220 Nandus streifen mittlerweile durch die Wälder und Felder östlich der Wakenitz. Direkt am Ufer sehe man sie allerdings nie, sagt Moritz Löffelmann, 31. Der Förster lebt mit Frau, Kind und Hunden auf einem Bauernhof südlich des Ratzeburger Sees.

Die Kanutour auf der Wakenitz macht Löffelmann regelmäßig mit der Familie. Angst vor dem Kentern muss er nicht haben, Stromschnellen gibt es nicht, und die Wakenitz fließt noch träger als der echte Amazonas. Derart träge sogar, dass es schlauer ist, in Lübeck zu starten und gegen die Strömung zu paddeln. "So haben wir den Wind im Rücken", sagt Löffelmann.

An der Einstiegsstelle sieht es zunächst nicht nach Dschungel aus, sondern nach reichem Vorort. Villen stehen in manierlichem Abstand am Ufer, die Gärten fallen in Stufen zum Ufer ab. Der Fluss ist an dieser Stelle breit wie ein See, seit ihn die Lübecker Ende des 13. Jahrhunderts für ihre Mühlen und Brauereien gestaut haben. Mit dem klaren Wasser brauten sie ihr Bier, in Zeiten der Cholera das bevorzugte Getränk. Heute steht ein Freibad am Ufer, auch im Fluss wird geschwommen, in Badekappen und bester Kraultechnik.

Löffelmann paddelt vorbei an hölzernen Stegen und Pavillons, zur Rechten ragt der neogotische Turm der Wasserkunst auf. Hinter der ersten Brücke weichen die Villen Schrebergärten, die ebenfalls sehr gepflegt und mit Schiffsmasten als Fahnenstangen hübsch maritim sind.

Die ersten Seerosen blühen weiß zwischen ihren Blatttellern, Haubentaucher und Blässhühner tauchen nach Beute, zwei Graureiher flattern dicht über dem Wasser. Langsam wird es wilder. Irgendwo hier beginnt auch das Naturschutzgebiet, das 1999 eingerichtet wurde.

"Die Wakenitz wurde nie begradigt", erklärt Löffelmann, als der Fluss die ersten Haken schlägt. Denn an ihren Ufern gab es wenig Industrie. Als Transportweg war sie vor allem im Mittelalter wichtig. Damals stakte und treidelte man Lastkähne voller Salz aus der Lüneburger Heide an die Küste. Die Skandinavier salzten damit ihre Fische ein und sie bezahlten gut.

Heute fährt nur noch ein Ausflugsschiff. Aber das macht sich deutlich bemerkbar. Als Löffelmann gerade unter eine stählerne Brücke paddelt, hupt es von hinten. "An der Eisenbahnbrücke passt entweder das Schiff durch oder ihr – nicht beide", hatte der Verleiher morgens gewarnt. "Auf Kollisionskurs zu gehen, macht keinen Sinn." Löffelmann hört auf diesen Rat und paddelt rechts ran. Es wird nicht das letzte Mal sein. Die Wakenitz ist offenbar ein bevorzugter Trainingsplatz der Lübecker Ruderer. Ein ums andere Mal überholt ein Vierer. Der Rudersport hat Tradition, Sportler aus dem Ratzeburger Achter holten mehrmals Gold bei Olympia. Dummerweise kommen zu den Zweiern, Vierern, Sechsern auch noch Elektroboote, Stand-up-Paddle-Boards, Kanus und Kajaks. Den Naturgenuss kann der eine oder andere Stau aber nicht trüben. Es gibt ja genug zu sehen in der Wartezeit.

Im klaren Wasser dümpeln Barsche zwischen verwundenen Stängeln der Seerosen. Wiesen von Seegras und salatartigen Pflanzen wiegen vor sich hin. Schmetterlinge und leuchtend blaue Libellen schwirren umher. Bäume neigen sich fotogen über die Schwertlilien. Und am Ufer wuchert ein Dickicht aus Brombeeren, Büschen und Farnen.

Ohne die Staumauer in Lübeck wäre dieses Ökosystem am Wasser deutlich schmaler, sagt Löffelmann. Das Wasser würde dann 2,30 Meter niedriger stehen. Die vermeintliche Wildnis ist in Wahrheit stark vom Menschen geprägt. Das sieht man schon an den Ausflugslokalen, die am Ufer mit frischem Bier vom Fass locken und Namen wie "Absalonshorst" tragen.

"Horste sind leicht erhöhte Plätze, wie Halligen, überflutungssicher", erklärt Löffelmann. Einst bauten die Fischer hier Hütten für ihre Netze. Als an den Wochenenden immer mehr Städter ins Grüne strömten, bewirteten sie die Gäste. Die Hütten wuchsen zu Gaststätten. Bis der Zweite Weltkrieg ausbrach und bald danach die Wakenitz zum Grenzfluss zwischen den beiden Deutschlands wurde.

Vor Ausbuchtungen am Ostufer standen nun Schilder: "Halt. Hier Grenze". "Hier" war unmissverständlich rot geschrieben. Und im Gebüsch dahinter patrouillierten Grenzsoldaten auf einem Bohlenweg.

Der Unterschied zwischen beiden Ufern ist bis heute frappierend. Auf der Westseite passiert man offene Felder, Kühe grasen gleich hinter dem Ufer im Schatten. Auf der Ostseite wuchert undurchdringliches Grün. Häuser wurden abgerissen, der Uferstreifen entsiedelt, dahinter ein Doppelzaun. Dennoch schafften einige Menschen hier die Flucht. Geblieben ist die norddeutsche Spielart eines Dschungels. Die Stelzwurzeln der Schwarzerlen fingern verschlungen wie Mangroven ins Wasser, umgekippte Bäume liegen kreuz und quer. "Solche aufgeklappten Wurzelteller sind perfekt für den Eisvogel", erklärt Löffelmann. "Er baut da sein Nest." Oft kann man den farbenprächtig gefiederten Jäger herumschwirren sehen. An diesem Tag macht er sich rar.

Auf die anderen Stars der Gegend sollte man ohnehin nicht spekulieren. Zwar leben Fischotter an der Wakenitz, See- und Fischadler nisten in den alten Bäumen. Angeblich hat ein Glücklicher vor Kurzem erlebt, wie ein Adler vor ihm einen Fisch aus dem Wasser riss. Aber die Chance auf so ein Spektakel ist gleich Null.

Gemächlich gleiten die Kanus dahin, leichte Paddelschläge genügen vollkommen. Man wird stiller, schaut, lässt sich vom Rückenwind treiben. Die Chance auf Otter und Adler erhöht man so aber kaum. Den Tieren sei unser Gerede egal, sagt Löffelmann. "So lange wir in der Mitte paddeln, stören wir sie nicht."

Tatsächlich scheint sich der sanfte Bootstourismus gut mit dem Naturschutz zu vertragen. Als das Magazin "Geo" 1999 zum ersten Tag der Artenvielfalt an die Wakenitz rief, fanden Forscher 2066 Arten von Pflanzen und Tieren, darunter das seltene Sonnentaugewächs. Die Autobahnbrücke mitten durch das Schutzgebiet konnten sie trotzdem nicht verhindern. Nur ein leises Brummen kündigt sie an, dann spreizt sie sich unvermittelt in all ihrer Hässlichkeit in die Idylle. Natürlich gab es vor dem Bau hitzige Diskussionen. Aber ein Tunnel wäre zehn Mal so teuer gewesen, sagt Löffelmann. Und der Schaden für die Natur sei glücklicherweise nicht so schlimm wie befürchtet. Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum Fährhaus Rothenhusen mit seinem hübschen Fachwerk und der Terrasse am Ratzeburger See. Leider. Aber man kann ja zurückkehren. In puncto Anreise schlägt der kleine, nördliche Amazonas den großen, südlichen klar.
Info

Tourist-Information Lauenburg, Elbstr. 59, 21481 Lauenburg an der Elbe, Tel. 04153/5909220, http://www.lauenburg.de