Gerne wieder

Hundertwasserhaus in Wien

Stephan Brünjes

Von Stephan Brünjes

Fr, 08. November 2019 um 13:46 Uhr

Reise

Farben wie in einem Tuschkasten verlaufen: Das zeichnet die Fassade des Hundertwasserhauses in Wien aus. Diskussionsbedarf gibt es von den Besuchern zuhauf.

e unterschiedlich die Menschen doch ticken! Die einen sind stets auf der Suche nach dem Unbekannten, die anderen treibt es Jahr für Jahr an denselben Urlaubsort oder sie machen den gleichen Wochenendausflug. Warum? Das beschreiben Autoren der BZ in unserer Serie "Gerne wieder". Viel Vergnügen!

WiBesonders da oben, zwischen sechstem und siebtem Stock sieht es aus, als seien in einem Tuschkasten die Farben verlaufen. Blaue Flächen um drei Fenster herum, darüber ein rosarotes Areal, aus dem Farbnasen ins Blaue hinein tränen. "Müsste mal wieder gestrichen" werden, sagt ein Besucher aus Karlsruhe vor dem Hundertwasserhaus. "Nein, auf keinen Fall", entgegnet die Frau neben ihm empört –"das ist Kunst!" Die beiden – Typ kulturbeflissene Bildungsreisende – waren heute schon am Stephansdom und draußen in Schloss Schönbrunn. Nun ist die Nummer 3 der Wiener Sehenswürdigkeiten dran. "Hundert-Besucher-Haus" könnte sie auch heißen, denn etwa so viele stehen meistens davor, recken die Hälse und zeigen immer wieder auf die bunt bemalte Fassade, an der alles lieblich geschwungen ist.

Denn Friedensreich Hundertwasser, der Gestalter dieser Häuserfront in der Kegelgasse, geißelte zeit seines Lebens die "Diktatur des Lineals", bezeichnete herkömmliche Wohnhäuser als "Konzentrationslager aus Beton" – in der sicheren Gewissheit, dass derart drastische Schlüsselwörter ihm Aufmerksamkeit bescheren. Und weil dabei auch die eine oder andere spektakuläre Aktion nicht schaden kann, zog er sich öfter mal vor seinen Kunststudenten komplett aus und hielt sogenannte "Nacktreden". In denen bezeichnete er Häuserwände als "dritte Haut" des Menschen, die jeder individuell gestalten müsse, um sich darin wohl fühlen zu können. Weil Eiche, Linde & Co in den Straßen immer mehr von Autos be- und verdrängt würden, müssten Bäume mit den Menschen ins Haus einziehen und zum Fenster hinaus wachsen. Oder auf dem Dach – zu besichtigen am Hundertwasserhaus. Nicht, dass ich mein Haus so einrichten würde. Aber für die Diskussionen, die Hundertwasser heute auslöst, komme ich immer mal wieder gerne in die Kegelgasse.

Etwa, um dem ergrauten Hippie-Veteranen aus Essen zuzuhören, wenn er seinen Enkeln die "Opa-war-dabei"-Story erzählt: Als Student habe er den Bau ab 1983 hautnah miterlebt. "Aufruhr", "Aufbruch", das sind die Pathos-Satzfetzen, die der Wind aus seinem Endlosvortrag herüberweht. Ja, die Zeit der Großdemos gegen Aufrüstung und Naturzerstörung. Und des Traums von einer "Bunten Republik Deutschland". Da passte Friedrich Stowasser mit seinem Künstlernamen Hundertwasser sowie selbst gestrickten Ringelsocken und Patchwork-Ballonmütze als Zeitgeist-Ikone gut hinein. Zeitzeuge Joschka Fischer sah in ihm rückblickend "eine Mischung aus Kohlrabi-Apostel und Beatnik". Vermeintlich fortschrittliche Bürgermeister definieren damals die Aktion "Unser Dorf soll schöner werden" mal ganz anders und bestellen Hundertwasser-Zwiebeltürme, die aussehen wie farbenfrohe Stricklieseln, lassen glatte Fassaden von ihm verbeulen und mit Keramikbruch dekorieren.

Das an diesen Gebäuden meist zu findende Sammelsurium an "Hart-Deco" ziert auch das Wiener Hundertwasserhaus: zerschellte Grabsteinstücke als Intarsien einer Treppe, Kegel und Dreiecke am Geländer, bunte Fensterrahmen und immer wieder Säulen. Für die einen Kunst am Bau, für die anderen Kitsch. Hundertwassers Antwort darauf: "Die Abwesenheit von Kitsch macht das Leben unerträglich."