Immer schön sauber bleiben

Claudia Diemar

Von Claudia Diemar

Sa, 17. Oktober 2020

Reise

Savon de Marseille: Traditionell hergestellte Seifenstücke wecken die Sehnsucht nach Südfrankreich /.

Wie Lava wallt und blubbert die grünliche Masse in dem riesigen Bottich. "20 Tonnen Inhalt fasst ein solcher Chaudron", erklärt Julie Bousquet-Fabre, die Urenkelin des Firmengründers der Savonnerie Marius Fabre in Salon-de-Provence. An der Wand wacht eine Madonna seit dem Jahr 1900 darüber, dass keiner der Seifenarbeiter in die heiße Masse stürze. Es riecht streng nach Sauberkeit, nach Großmutters Waschlauge, nach Kernseife von einst.

Nach knapp zwei Wochen mit diversen Zwischenschritten unter Hinzufügung von Süß- und Salzwasser ist der Produktionsprozess beendet. Der Brei aus den Chaudrons läuft in flache Becken, wird beim Abkühlen fest, später in Stücke geschnitten und mit dem Stempel "Savon de Marseille" versehen.

"Diese Seife besteht nur aus pflanzlichen Ölen und enthält keinerlei Farb- oder Duftstoffe. Sie ist bestens geeignet für Allergiker und biologisch abbaubar. Man kann sich damit sogar die Zähne putzen", schwört Madame Bousquet-Fabre und weist noch auf die firmeneigene Spezialität der flüssigen "Savon Noir" hin, schwarze Schmierseife, mit der man Haustiere ebenso reinigen kann wie empfindliche Natursteinböden oder Parkett.

Salon-de-Provence liegt 50 Kilometer nordwestlich von Marseille und ein wenig abseits der vielbesuchten provenzalischen Sehnsuchtsorte. Doch die Stadt ist eine echte südfranzösische Schönheit mit plappernden Brunnen, sonnenwarmen Plätzen und einer Burg, die über der Altstadt wacht. Erstaunlich ist vor allem das reiche Erbe an Baudenkmälern der Belle Époque, meist private Villen der einstigen Seifenfabrikanten. Als Salon-de-Provence 1870 an die Eisenbahnlinie angeschlossen wurde, boomte in der Stadt das Geschäft mit der Sauberkeit. Die Seifenbarone waren so reich, dass einer von ihnen seiner Gattin ein besonderes Geschenk machte. Die Dame liebte Opern, also bekam sie ein privates Theater erbaut – mit 350 Sitzplätzen!

In Salon-de-Provence war alles vorhanden, was die Fabrikanten brauchten: Olivenöl und Salz vom nahen Mittelmeer, das man für Herstellung der Lauge zur Verseifung benötigte. Die Bahn brachte zudem Palm- und Kokosfette aus den Kolonien vom Marseiller Hafen und nahm auf der Rückfahrt die fertigen Seifenstücke an Bord, die von Marseille aus in alle Welt exportiert wurden. Gab es 1935 noch ein Dutzend Savonnerien in der Stadt, sind heute gerade einmal zwei verblieben. Doch bei Rampal-Latour darf keine Seife mehr gesiedet werden, weil rundum ein reines Wohngebiet liegt. Die urtümlich wirkenden Würfel werden hier nur noch aus einem fertigen Grundstoff gepresst. Sehenswert ist die alte Manufaktur mit ihren Schautafeln zur Geschichte der Seifenherstellung dennoch.

Seife ist im französischen Süden allgegenwärtig. Kein Markt in der Provence, wo nicht die Stände mit den pastellfarbenen Rechtecken und Würfeln aufgebaut wären. Heerscharen von Reisenden kaufen Seife als haltbares, leicht zu transportierendes Souvenir oder Mitbringsel. Doch der Begriff "Savon de Marseille" wurde nie geschützt, so dass man überall in der Welt Produkte unter diesem Namen herstellen kann.

Von den ursprünglich mehr als einhundert Seifenfabriken in Marseille selbst haben sich bis heute drei Betriebe gehalten, die zum Teil mit Fabrikationsanlagen aus dem vorigen Jahrhundert produzieren. Zwei davon liegen im 14. Arrondissement im Nordwesten der Stadt. Bei "Le Sérail" rührt ein rotblonder Hüne die siedende Substanz im Chaudron. Es passt zu der an Obelix erinnernden Gestalt des Seifenmeisters, dass die Internetseite der Firma behauptet, es seien die Gallier gewesen, die die erste "richtige" Seife produzierten. Andere Quellen besagen, schon die Sumerer hätten den Prozess der Verseifung beherrscht, aber ebenso wie die alten Griechen den reinigenden Aspekt des Produktes nicht erkannt, das ursprünglich zur Wundbehandlung verwendet wurde. Als erwiesen gilt, dass die Araber Seife als Körperpflegemittel nach Europa brachten, wo Südfrankreich neben Spanien zum Zentrum der Produktion wurde.

Nicht weit von "Le Sérail" entfernt residiert die "Savonnerie Le Fer à Cheval". Die Fabrik existiert seit 1856 und ist der größte der noch in Marseille verbliebenen Betriebe. Im Zeichen des Hufeisens blubbert es in acht großen Bottichen. Auch hier wacht eine Gottesmutter an der Wand über die Geschicke der Mitarbeiter. Maître Savonnier Michel Bianconi arbeitet "auf Sicht", ohne Thermometer, ohne irgendwelche Proben zu analysieren. "Die Erfahrung allein genügt", sagt er stolz. Einmal in der Woche steht die Fabrikation für neugierige Besucher offen, die ein Stück Industriegeschichte in Funktion erleben können – die meisten Maschinen sind die gleichen wie vor mehr als einhundert Jahren.

Fer à Cheval stellt traditionelle Seife mit einem Olivenölanteil von bis zu 63 Prozent her. Emilie Lesbros, für das Marketing zuständig, nimmt einen Zwei-Kilo-Barren Seife vom Förderband. "Der Weg, den diese Seife nehmen kann, ist ebenso verschieden wie ihr Preis als Endprodukt", erklärt sie. Die grüne Savon de Marseille könne in groben Rohbarren auf einem afrikanischen Markt landen und dort mit dem Hackmesser in Brocken gespalten für wenig Geld als Allzweckreiniger verkauft werden. Und ebenso könne sie in exakte Stücke geschnitten per Flugzeug nach Fernost reisen und stilvoll verpackt als teures hypoallergenes Luxusprodukt über eine Boutiquentheke gehen.

Wer die lange Fahrt mit dem Bus zu den Fabriken im 14. Bezirk scheut, kann mitten in Marseille fündig werden. Am Cours Julien bietet die kleine "Savonnerie de la Licorne" Besuche ihrer Fabrikation an. "Schon mein Großvater fügte Lavendelessenz hinzu, weil sie eine desinfizierende Wirkung hat. Man kann also ein Traditionsprodukt auch verbessern", so Maître Savonnier Serge Bruna. Neben Olivenöl sind exotische Naturprodukte gefragt. Monsieur Bruna ist stolz auf eine Seife, für die als Fettgrundstoff reine Karité-Butter verwendet wird. "Es gibt nichts Besseres für empfindliche Haut", sagt er.