Barfuß durch das Watt

Inselhopping von Amrum nach Föhr

Nicole Jankowski

Von Nicole Jankowski (dpa)

Sa, 09. November 2019

Reise

Natur mit allen Sinnen spüren: Barfuß und mit einem kundigen Guide unterwegs durch das endlos scheinende Watt von Amrum bis nach Föhr.

Völlig losgelöst. So fühlt es sich an. Aber mitten im Watt liegen die Küsten der drei Nordseeinseln endlos weit entfernt: 3,5 Kilometer sind es bis Sylt, vier Kilometer bis Föhr und drei Kilometer bis Amrum. Auch nach 20 Jahren im Watt packt diese Freiheit den Amrumer Dark Blome. "Das hier ist eine der schönsten Ecken, die ich kenne", sagt der Wattführer beim Rundumblick, bevor er für die Zuschauer in den Sand zeichnet, wie Ebbe und Flut entstehen. Sonne, Erde, Mond – das Geheimnis der Gezeiten.

Neun Menschen sind es an diesem recht kalten Morgen, die von der Ortsmitte in Norddorf auf Amrum bis nach Dunsum auf der Nachbarinsel Föhr laufen wollen. Neben dem Haus, in dem er geboren wurde, wartet Blome um 8 Uhr auf seine Gäste. Schnell noch ein letzter Biss ins Frühstücksbrötchen vom Inselcafé Schult. Dort hat der gelernte Bäcker mal gearbeitet. Schon lange aber sind die Wanderungen durchs Watt sein Broterwerb. Fast 350 Tage im Jahr ist Blomenach eigenen Angaben der einzige anerkannte Nationalpark-Wattführer auf Amrum.

14 Kilometer hat der 56-Jährige für die heutige Tour durch das Watt veranschlagt. Ein sportliches Programm. Statt auf der direkten Route Richtung Föhr will Blome die Gruppe in einem Schwenk über die Kormoraninsel führen, einer großen Sandbank vor den Küsten der Inseln Amrum, Sylt und Föhr. Die Luft ist für diese Jahreszeit weich, aber der Wind wie häufig in diesen Breiten frisch. Noch zeigt sich der Himmel grau in grau.

Die ersten drei Kilometer bleiben die Schuhe an: Auf einem Asphaltweg zwischen den Marschwiesen hindurch geht es Richtung Deich. Blome streut Wissenswertes über Vergangenheit und Gegenwart ein: die historische Entstehung der Insel durch eine Eiszeit oder das Problem mit den brütenden Nonnengänsen. Am Ende des letzten Bohlenweges beginnt dann das eigentliche Abenteuer: Füße freimachen, Schuhe und Strümpfe verstauen. Fast alle huschen noch einmal ins Klohäuschen. "Dies ist die letzte Toilette vor Föhr", sagt Blome schmunzelnd. Dabei scheint die Nachbarinsel gar nicht so weit entfernt zu sein. Am Horizont kann man ihre Silhouette deutlich erkennen. Doch wie sehr die Distanzen in der einförmigen Gezeitenzone täuschen können, macht bald jeder Schritt durch die weiten Sandflächen deutlich.

Wer sich ins Watt begibt, sollte das nur mit einem kundigen Wattführer tun. Dieser kennt sich aus, weiß, wie Wetter, Ebbe und Flut den Weg beeinflussen, und kann einen gefahrlos von einer Insel zur anderen bringen. Dark Blome nimmt es auch nach unzähligen Jahren im Watt genau. Kartenmaterial und Kompass hat er in seinem geräumigen Rucksack verstaut. Und für den Fall der Fälle einen zusätzlichen Ersatzkompass dabei. Der Start der Führungen variiert je Zeitpunkt von Ebbe und Flut: Rund zwei Stunden vor Niedrigwasser startet die Wanderung.

Für einige Teilnehmer ist die Tour heute eine Premiere, andere sind Wiederholungstäter. Bei Blome laufen jedoch nie mehr als 35 Personen mit. So hat er genug Zeit für jeden Einzelnen. Der geschützte Lebensraum vieler Tiere und Pflanzen wirft jedes Mal andere Fragen auf. Dass die spaghettiartigen Sandhäufchen auf dem Meeresboden von Wattwürmern stammen, ist für Nordseeküsten-Urlauber fast Allgemeinbildung. Warum sie am Anfang des Watts allerdings noch zart und klein sind, weiß der Wattführer. "Hier ist unser Jugendzentrum für die jungen Würmer", sagt er. Und weist den Weg Richtung "Seniorenheim".

Bei jedem Schritt graben sich die Zehen zum Teil tief in den feinen Sand. Doch nicht überall hat sich das Meer komplett zurückgezogen. Beim Gang durch den großen Priel vor Amrum ist barfuß nicht genug. Als Priel wird ein Wasserlauf im Watt bezeichnet.

Also ein kurzer Zwischenstopp zum Hochkrempeln der Hose. Wer sichergehen will, zieht sie einfach aus. Konzentriert folgt die Gruppe Blome, der zielstrebig durch das graue Einerlei der Nordsee läuft. Immer wieder spritzen kleine Wellen bis an die Oberschenkel. 12 Grad Wassertemperatur sind weniger unangenehm als gedacht. Hineinplumpsen möchte trotzdem niemand. Der Blick bleibt auf den Boden gerichtet. Jetzt kommen die Muschelbänke, warnt Blome. Verstreut liegen große und kleine Exemplare scharfkantiger Austern auf dem Boden. Keiner will eine Schnittwunde an den Füßen riskieren. Gleichzeitig erfasst man durch den Blick nach unten einen beeindruckenden Aspekt dieser Lebenswelt. Der Meeresboden zeigt immer andere Wellenzeichnungen. Große Wellen, kleine Rillen, enge Rippel – ein natürliches Kunstwerk in reduzierten Farben.

Dass unter dieser anmutigen Oberfläche das pralle Leben steckt, stellt Dark Blome kurz darauf unter Beweis. Mit der Forke, die er am Rucksack trägt, gräbt er einen Wattwurm aus dem Sand – und was für einen. "Das ist ein ganz schöner Johnny, so einen großen hatte ich noch nie", sagt der Naturbursche bewundernd.

Dann hält Blome den Speiballen einer Möwe in die Höhe. Die Vögel schlucken ganze Muscheln herunter und würgen die Schalenreste wieder hoch. "Für Möwenkotze riecht das ganz okay", sagt er. Blomes Wattkenntnisse scheinen unerschöpflich. Man könnte stundenlang zuhören. Doch die Flut kommt, die Zeit drängt. "Ich möchte euch bitten, mein Tempo beizubehalten", sagt der Wattführer und schreitet beherzt voran.

Minutenlang hängt jeder Schritt für Schritt seinen Gedanken nach. Lässt sich fallen in die Weite des Watts. Zaghaft bricht endlich die Sonne durch die graue Wolkenwand. An der Kormoraninsel wird die Gruppe wieder eins. Vorsichtig deutet Blome nach vorne und reicht sein Fernglas herum. Ein Baby-Seehund liegt nur wenige Meter entfernt auf dem trockenen Untergrund. "Wir wollen ihn nicht stören, sonst rutscht er auf seinem frischen Nabel zum Wasser", sagt er.

Am Rand der Sandbank ruht ein zweites, größeres Tier. Als es sich überraschend schnell Richtung Wasser robbt, entlockt das dem ein oder anderen ein entzücktes "Oh!". Da wissen die Wattwanderer noch nicht, dass sie das ganz große Schauspiel erst erwartet. In Sichtweite des grasigen Deichs in Dunsum auf Föhr lässt Blome die Gruppe verharren und blickt auf seine Uhr. "Um zehn nach eins müsste sie kommen", sagt er. Sie, das ist die Flut. Minute um Minute verstreicht – und dann geht es rasend schnell. Eine weiße Linie schiebt sich immer näher heran, feines Rauschen begleitet sie. Dann ergießt sich das Meerwasser über den Sandboden, auf dem die Gruppe steht, umspült nackte Füße und Knöchel und fließt weiter Richtung Ufer. Die Kraft der Gezeiten – sie wird sie hautnah erfahrbar für den Moment. Ein Bus bringt die Gruppe anschließend nach Wyk, mit der Fähre geht es später zurück auf die Nachbarinsel.

Infos: Mehrmals täglich gibt es Fährverbindungen von Dagebüll nach Amrum und Föhr, Fahrpläne unter http://www.faehre.de