Reise

Wie der Klimawandel die Existenz von Urlaubszielen bedroht

Kathrin Lucia Meyer

Von Kathrin Lucia Meyer (dpa)

Sa, 06. Juli 2019 um 17:38 Uhr

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Verschneite Berge, kühle Wälder, bunte Korallen: Touristen wollen im Urlaub die perfekte Idylle erleben – und befeuern doch selbst mit ihrem Reiseverhalten deren Zerstörung.

Sich die Schönheit der Welt anzuschauen, ist eines der wichtigsten Motive für das Reisen. Der Klimawandel jedoch bedroht beliebte Urlaubsziele, schon heute und noch mehr in Zukunft. Die weltweite Veränderung des Klimas stellt ein Risiko für den Tourismus dar, warnt die Welttourismusorganisation (UNTWO).

Mit dem Fortschreiten der globalen Erwärmung nimmt nach Ansicht von Forschern die Häufigkeit von Extremwetterereignissen zu. Diese bedrohen nicht nur die Lebensgrundlage vieler Menschen, auch Urlauber können auf Überschwemmungen und Waldbrände gut verzichten.

Extremes Wetter: Waldbrände, Stürme, Überschwemmungen

"Die Auswirkungen von wetterbedingten Extremereignissen, die vor allem mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht werden, nehmen zu", sagt Wolfgang Günther, Experte für nachhaltigen Tourismus am Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT).

Betroffen sind auch beliebte Reiseziele wie der "Sunshine State" Kalifornien in den USA. Der renommierte Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber verweist hier auf die Dürren und Waldbrände im vergangenen Jahr. Florida und Texas wurden 2017 von besonders schweren Hurrikans getroffen.

Ein weiteres Beispiel: "Langfristig werden viele der Südseeparadiese unbewohnbar, weil die Inseln überschwemmt werden oder ihr Süßwasser versalzt, wenn wir den CO2-Ausstoß nicht rasch senken", so der ehemalige Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). "Auch Venedig, diese Traumstadt, ist bedroht", sagt Schellnhuber. "Die Liste ist schier endlos."

Nicht nur die Ferne ist bedroht

Doch es sind nicht nur exotische Fernziele, die man sich leisten können muss oder will, die von Extremwetter in Mitleidenschaft gezogen werden. Günther hat mit Forschern für das Umweltbundesamt analysiert, wie der Klimawandel den Tourismus in Deutschland beeinflusst. Auch Urlauber hierzulande sind demnach zunehmend mit Hochwasser an Flüssen und Meeren, langen Hitzeperioden, Starkregen, Sturmfluten und Waldbränden konfrontiert. Wobei sich manch einer über die Sommerhitze sicherlich freut.

"Gleichzeitig gehen wir davon aus, dass es in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten keine nennenswerten Veränderungen in der Nachfrage von Urlaubsangeboten insgesamt geben wird, die durch die Folgen des Klimawandels bedingt sind", sagt auch Günther.

Extremwetter kommt den Tourismus allerdings teuer zu stehen, denn er lebt von Infrastruktur wie Badestränden und Wanderwegen. "Wird diese durch Extremwetterereignisse zerstört, entstehen hohe Kosten", sagt Günther. In Heiligenhafen, Fehmarn und Laboe zum Beispiel wurden im Januar ganze Strandbereiche von einer Sturmflut weggespült. Die Schäden zu beheben, kostet Geld.

Die Klimaforscher des PIK rechnen bis 2100 mit einem Anstieg des Meeresspiegels um etwa einen Meter. Sturmfluten würden dann entsprechend höher auflaufen. "Man muss sich auch langfristig die Frage stellen, an welchen Orten die touristische Infrastruktur in welcher Form erhalten werden kann und soll", sagt Günther.

Mehr Algen in Meeren und anderen Gewässern

Wenn die Luft- und Wassertemperaturen durch die globale Erwärmung in den kommenden Jahrzehnten weiter steigen, mag das manch einem Urlauber zunächst positiv erscheinen. Doch es hat verschiedene, gravierende Auswirkungen – und befördert auch die Ausbreitung eines eher unbeliebten Strandgastes: der Blaualge. Sie fühlt sich bei 22 bis 25 Grad richtig wohl und vermehrt sich entsprechend kräftig.

Blaualgen schimmern mintgrün-bläulich am Ufer und geben dem Wasser einen dunklen Farbton. Doch ein Teil der Bakterien produziert Gifte, die zu Beschwerden wie Durchfall, Bindehautentzündungen oder Hautausschlägen führen können. Vor allem für Kleinkinder besteht durch Schlucken eine ernsthafte Gefahr. Es gibt Hinweise, dass dieses Phänomen bei höheren Temperaturen sogar häufiger auftritt.

"Eine Erwärmung der Meere bringt klar auch Veränderungen in Flora und Fauna mit sich", sagt Günther. So profitieren neben den Blaualgen auch andere – meistens eher unbeliebte – glibberige Meeresbewohner wie Quallen von höheren Temperaturen in Verbindung mit einem überreichlichen Nährstoffangebot.

Ärgerlich kann es sein, wenn sich beispielsweise Mexiko-Reisende auf karibische Traumstrände freuen – und dann Braunalgen und Quallen die Idylle trüben. Das passierte zuletzt rund um die beliebten Touristenorte Cancún und Tulum. Örtliche Anbieter bangen wegen der "Algenplage" um die wichtigen Einnahmen aus dem Tourismus. Auch wenn Forscher vermuten, dass die sehr rasch angestiegene Anzahl an Urlaubsgästen an den Küsten selbst mit zum Problem beiträgt.

Sterbende Farbenpracht: Korallen in Gefahr

Klimaforscher Schellnhuber sieht noch eine weitere Gefahr durch die stetige Erwärmung der Meere: In den heißen Regionen der Tropen seien die Korallen gefährdet, etwa im Great Barrier Reef vor Australien. Das mehr als 2300 Kilometer lange Riff war 2016 und 2017 von Korallenbleichen betroffen, vermutlich wegen überhöhter Temperaturen infolge des Klimawandels. Enorme Mengen an Korallen starben ab.

Schneemangel bedroht den Wintersport

Nicht nur in warmen Urlaubsgefilden zeigt der Klimawandel früher oder später Folgen. "Besonders stark von der Erwärmung betroffen sind heute die kalten Regionen, etwa die Gebirgsgletscher der Alpen und die Arktis", sagt Schellnhuber. "Was wir das ewige Eis nennen, das schmilzt." Mit unmittelbaren Folgen für Reisende.

Schon jetzt müssen Wintersportler in den Alpen oder deutschen Mittelgebirgen immer öfter auf ausreichend Schnee warten. Wer dann im Skiurlaub nicht auf die Piste kann, den werden möglicherweise auch die fünfte Après-Ski-Party und der neue Wellnessbereich im Hotel auf Dauer nicht bei Laune halten.

Zahlreiche tiefer gelegene Skisportorte sind bereits heute auf künstliche Beschneiung angewiesen. Nur können Schneekanonen dem natürlichen Rückgang der Schneesicherheit nur teilweise entgegenwirken. Sie verbrauchen viel Wasser und Energie und sind dadurch selbst nicht besonders nachhaltig.

Touristen tragen Verantwortung

Sich als vielreisender Mensch über die Folgen des Klimawandels zu beklagen, ist bequem. Doch der Tourismus verschärft das Problem selbst: Auf Flugreisen entstehen CO2 und andere Treibhausgase. Fliegen ist besonders klimaschädlich. Seit den Protesten der Fridays-for-Future-Bewegung ist immer lauter der Ruf zu hören, man möge des Klimas wegen doch bitte auf das Fliegen verzichten.

Doch wie viele Urlauber sind wirklich dazu bereit? Werden der Umwelt zuliebe weniger Reisen unternommen? Nein, sagt Tourismusforscher Günther, der diese Haltung zusammen mit Kollegen in einer aktuellen Studie zum Thema Klimawandel und Tourismus abgefragt hat. Urlauber, Tourismusregionen und Reiseanbieter passten sich lediglich den veränderten Bedingungen an. Und dass die Ostsee in der Vor- und Nachsaison eher wärmer wird, nehmen viele sogar als Vorteil wahr.

Gefahren durch den Klimawandel sind für die Tui als größtes Touristikunternehmen in Europa kein Grund, besonders gefährdete Reiseziele aus dem Angebot zu nehmen. "Am Ende ist es die Entscheidung des Kunden", sagt Christian Rapp, Sprecher für Nachhaltigkeit bei dem Unternehmen. Mit der gemeinnützigen Stiftung Tui Care Foundation und Bildungsprogrammen etwa zum Schutz von Meeresschildkröten versucht der Veranstalter, die Menschen vor Ort für ihre Umwelt und die Artenvielfalt zu sensibilisieren. "Menschen fahren ja auch in den Urlaub, um andernorts eine intakte Umwelt zu erleben", sagt Rapp. Naturkatastrophen hätten aber nur kurzzeitig Auswirkungen auf die Nachfrage.

Mecklenburgische Seenplatte statt Kanada?

"Keine Region der Welt entkommt auf Dauer dem Klimawandel, wenn wir mit dem Ausstoß von Treibhausgasen aus Kohle und Öl einfach weitermachen wie bisher", warnt Klimaforscher Schellnhuber. Und das Fortschreiten des Klimawandels sei – egal wie man ihn auslege – in keinerlei Hinsicht eine wünschenswerte Entwicklung. Schellnhuber sieht den Reisenden selbst in der Verantwortung und plädiert zum Beispiel dafür, auf Fernreisen besser zu verzichten.

"Wir können öfter mal in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg Urlaub machen, viel wilder wird es etwa in Kanada auch nicht. Und auch in Bayern kann man sich erholen. Oder bei unseren Nachbarn in Polen, Frankreich und Österreich."