"In eine andere Rolle schlüpfen"

Di, 03. September 2019

Schülertexte

ZISCHUP-INTERVIEW mit Uni-Professor Wolfgang Hochbruck.

Theater sollte unbedingt ein fester Bestandteil der Lehrerausbildung sein. Das jedenfalls findet Wolfgang Hochbruck, Professor am Englischen Seminar der Universität Freiburg und Leiter des Praxiskollegs am FACE, des Freiburg Advanced Center of Education. Zischup-Reporterin Chiara Rein aus der Lerngruppe 9c der Neulinden-Schule hat ihn während einer Tagung zur Lehrerfortbildung an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg getroffen und ihn dazu interviewt.

Zischup: Wie ist Ihr Interesse am Theater entstanden?
Hochbruck: Ich habe früher selber Schülertheater gespielt, dadurch ist mein Interesse entstanden.
Zischup: Denken Sie, dass das Theater Sie persönlich verändert hat?
Hochbruck: Ja, ich bin eigentlich eher menschenscheu, was einen nicht unbedingt dazu befähigt, im Lehrberuf zu arbeiten. Weil ich aber ein bisschen Schauspielausbildung habe, hat sich das geändert. Es kann vorkommen, dass ich in einer Unterrichtsveranstaltung unsicher werde, und dann spiele ich so, wie es jetzt weiter gehen müsste, bis ich die Situation wieder im Griff habe. Wenn ich das danach den Studierenden erkläre, sind die oft verdutzt, erkennen aber den Vorteil. Darum rate ich auch meinen Studierenden, gerade denen, die etwas schüchterner und unsicher sind, Schauspielunterricht zu nehmen.
Zischup: Was ist das Besondere am Theater? Warum sollte man ins Theater gehen?
Hochbruck: Die Konnektivität des Erlebens ist das, was Theater ausmacht. Das Gefühl, ein Teil von etwas zu sein, sowohl auf der Bühne, hinter der Bühne als auch als Publikum, das mit den Schauspielern interagiert.
Zischup: Kann man eigentlich das Theater mit einem Film im Fernsehen vergleichen?
Hochbruck: Nein, anders als ein Film, den man im Fernsehen anschaut, zwischendurch mal umschaltet oder vielleicht auch mal vorspult, lebt das Theater von der Interaktion mit dem Publikum. Die Kommunikation zwischen Akteuren und Publikum spielt eine ganz wichtige Rolle.
Zischup: Kann man vom Theater profitieren?
Hochbruck: Egal, ob man in der Maske, in der Beleuchtung oder auf der Bühne mitwirkt, das Gefühl etwas gemeinsam geschaffen zu haben und über sich selbst hinaus gewachsen zu sein, verbindet und macht stark.
Zischup: Denken Sie, jeder kann Theater spielen? Oder ist das nur etwas für bestimmte Zielgruppen?
Hochbruck: Es gibt keine bestimmten Zielgruppen fürs Theaterspielen. Es ermöglicht selbst den schüchternsten Leuten unter uns, in eine total andere Rolle zu schlüpfen und jemanden zu spielen, der das genaue Gegenteil von uns selbst verkörpert. Wenn eine Person gelernt hat, auf der Bühne zu brüllen, bekommt diese später bestimmt mehr Luft zum Reden im Alltag.
Zischup: Finden Sie, Theater gehört in die Schule?
Hochbruck: Ja, unbedingt! Theater sollte viel mehr als Lehrmethode an Schulen angewendet werden. Insbesondere die Sprachen können davon profitieren, aber auch in den Fächern Geschichte, Erdkunde und sogar Mathematik kann diese Methode Sinn machen. Jede Schule sollte mindestens eine Theatergruppe haben. Und schon in der Lehrerausbildung sollte Theaterspielen ein verbindlicher Baustein sein. Schließlich hat das Unterrichten Ähnlichkeiten und Überschneidungen mit dem Theaterspielen. Es gibt viel zu wenige Lehrer und Lehrerinnen, die sich der Theatralität der Situation bewusst sind, und wir sollten viel mehr Theater in die Lehrerausbildung reinstecken.

Fazit: Wolfgang Hochbruck kämpft weiterhin dafür, dass Theater in der Lehrerausbildung ein fester Bestandteil wird. Er möchte einen Masterstudiengang Theater an den Freiburger Hochschulen aufbauen, und Theater wird deshalb Leitthema der nächsten Ringvorlesung von FACE im Wintersemester werden. Meine Begeisterung dafür hat er.