Vulkantourismus

Sehnsuchtsziel und Gefahr für Reisende

Philipp Lage

Von Philipp Lage (dpa)

Sa, 13. April 2019

Reise

Faszination Vulkan: Auch Höhe und Wetter werden unterschätzt.

Als der Vulkan Gunung Agung riesige Rauchwolken in den Himmel schickte, saßen Tausende Urlauber auf Bali fest. Der internationale Flughafen der Insel wurde gesperrt. Der Vulkan brachte die Reisepläne der Inselgäste gehörig durcheinander – dabei waren die meisten ja bloß wegen der Strände nach Indonesien gekommen. Das war 2017.

"Viele Touristen waren tatsächlich überrascht, dass es auf Bali aktive Vulkane gibt. Aus einigen Anfragen hörte ich regelrechte Empörung", erinnert sich Thomas Walter vom Helmholtz-Zentrum Potsdam /Deutsches Geoforschungszentrum (GFZ). "Wer sich nicht damit beschäftigt, ist oft schockiert." Dann gebe es aber auch Menschen, die bewusst zu Vulkanen reisen", sagt der Geologe.

Vulkane sind beides zugleich: Sehenswürdigkeit und Bedrohung. Sie bieten Reisenden ein unvergleichliches Naturerlebnis – oder überziehen die Landschaft mit Asche und zerstören Städte und Ortschaften. Ein Vulkanausbruch ist ein lebensgefährliches Spektakel.

Weltweit gibt es etwa 1500 aktive Vulkane, rund 450 aktive Vulkane liegen im pazifischen Feuerring – und allein 127 in Indonesien. Im Jahr 2010 schleuderte der Merapi auf Java Eruptionswolken bis zu 18 Kilometer in den Himmel. Die Gegend um den Vulkan sei schon Tage vor dem Ausbruch evakuiert worden, berichtet Walter. Das rettete vielen Tausenden Menschen das Leben.

Ein Risiko besteht jedoch nicht nur in der Ferne, sondern auch in Europa. Beispiel Ätna auf Sizilien: Im Dezember 2018 kam es zu mehreren kleinen Ausbrüchen und Beben. Gleichzeitig lockt der Vulkan viele Reisende. "Man kommt mittlerweile auch sehr einfach hoch, es gibt Bustouren von den Hotels aus", weiß Walter. "Bei Eruptionen haben Vulkanologen damit zu tun, Touristen vom Vulkan fernzuhalten. Manche Urlauber wollen nachts die Lavafontänen sehen."

Der Ätna kann überraschende Explosionen hervorrufen. Etwa wenn Lava über Schnee fließt. Das passierte 2017. Dabei wurden auch Touristen verletzt. Ebenso ist der Stromboli nördlich von Sizilien sehr beliebt. "Man kommt mit der Fähre von Neapel einfach hin. Jeder darf hoch, aber man braucht einen Guide", sagt der Geologe.

Vor den Toren Neapels ist nicht nur der Vesuv aktiv. Vulkanologen warnen seit Jahren, dass der Vesuv und die benachbarten Phlegräischen Felder ausbrechen könnten. Verantwortungsvoller Vulkantourismus sei deshalb wichtig, sagt der Experte. Urlauber sollten sich gründlich informieren. Das Auswärtige Amt zum Beispiel weist in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen auch auf Gefahren durch Vulkanismus hin.

Denn oft kommt es darauf an, wo genau in einer Region man sich befindet. Der jüngste Ausbruch des Vulkans Kilauea auf Hawaii – einer der aktivsten der Welt – sorgte zwar für Lavaströme und Schäden auf Big Island. Wer aber auf einer anderen Insel des Archipels seinen Urlaub verbringen wollte, konnte dies ohne Einschränkungen tun.

Tatsächlich ist das Risiko, dass Touristen durch einen Ausbruch zu Schaden kommen, relativ gering – im Verhältnis zu den sonstigen Gefahren. "Die Höhe und schlechtes Wetter werden jedoch am häufigsten unterschätzt", sagt Walter. Das gilt zum Beispiel für den beliebten Teide auf Teneriffa, der fast so hoch wie der Großglockner ist. "Viele wollen da hinauf, aber der Berg ist mehr als 3700 Meter hoch."

Und dann gibt es noch Szenarien, bei denen nicht nur Reisende vor Ort betroffen sind. Der Vulkan Eyjafjallajökull auf Island legte bei seinem Ausbruch 2010 für mehrere Tage den gesamten Flugverkehr in Nord- und Mitteleuropa lahm. Dennoch sind Vulkane weiterhin beliebte Touristenziele in Island. "Wir empfehlen, die Vulkane mit einem Guide zu entdecken", rät Sigridur Dögg Gudmundsdottir von Visit Iceland den Touristen.

Außerhalb Europas ist Vulkan-Trekking ebenfalls eine Attraktion. Das gilt besonders in Mittel- und Südamerika. In den Anden reihen sich stattliche Vulkane von mehr als 5000 oder gar 6000 Metern wie an einer Perlenkette in Nord-Süd-Richtung auf. Allein in Chile gibt es 80 aktive Vulkane. Warum sind Vulkane so faszinierend? "Sie machen die Dynamik des Planeten greifbar", sagt Walter. "Dass eine Erdplatte sich langsam verschiebt, sieht man nicht mit dem Auge – einen Vulkanausbruch schon." Und vielleicht stecke eine Art archaisches Denken dahinter: "Feuer weckt Interesse beim Menschen."