Rettende Kälte

Martin Dahms

Von Martin Dahms

Fr, 06. Dezember 2019

Panorama

Bergwanderin überlebt laut Ärzten in den spanischen Pyrenäen einen mehrstündigen Herzstillstand.

MADRID. "Ich habe eine junge Frau mit Herzstillstand und ohne Lebenszeichen vor mir," beschreibt Eduard Agudo den dramatischen Moment an jenem Sonntagabend." Sie ist blass und blau, mit einer Kerntemperatur von 20,2 Grad. Das einzig Gute ist, dass sie sehr kalt ist. Alles andere sieht sehr schlecht aus."

Die katalanische Zeitung La Vanguardia erzählt an diesem Donnerstag die Geschichte einer bemerkenswerten Rettung. Sie spielt in den katalanischen Pyrenäen und zum Schluss im Krankenhaus Vall d’Hebron in Barcelona, in dem Eduard Agudo arbeitet, ein auf Unterkühlungen spezialisierter Intensivmediziner.

Die Protagonistin der Geschichte ist die 34-jährige Audrey Mash, eine Britin, die gemeinsam mit ihrem Mann Rohan Schoeman in Barcelona lebt. Am ersten Novemberwochenende dieses Jahres fuhren sie zum Wandern in die Pyrenäen. Sie sind sportlich und erfahren; die App kündigte akzeptables Wetter an, keinen Schneefall. Am Samstag unternahmen sie eine erste Wanderung, gemeinsam mit zwei Freundinnen. Am Sonntag brachen sie allein früh morgens von einer Berghütte in 2000 Metern Höhe auf. Gegen neun Uhr begann es zu schneien. Wenig später "sah man nichts mehr, alles war weiß", so Schoeman. Nach ein paar Stunden, die sie im Schutz eines Felsens verbringen, hört es auf zu schneien, aber ein eisiger Wind weht. Auf allen Vieren machen sie sich auf den Weg. Mash ist für dieses Wetter nicht angemessen gekleidet. Sie fängt an, wirr zu reden. Schließlich verliert sie das Bewusstsein.

Es war, schätzt Schoeman, kurz nach 15 Uhr. Bevor Schoeman selbst um Hilfe ruft, haben die Freundinnen das Paar als vermisst gemeldet. Nachdem Schoeman ihnen ein Foto von seinem Standort schickt, finden die Retter das Paar. "Wir springen aus dem Hubschrauber, laufen zu der Frau im Schnee und denken, das ist eine Leiche", berichtet Pere Ferral, einer der Retter. Aber sie wissen: Menschen mit Unterkühlung haben eine Chance.

Währenddessen kehrt Eduard Agudo an seinen Arbeitsplatz im Krankenhaus Vall d’Hebron zurück. Er hat eine 24-Stunden-Schicht hinter sich, aber er weiß, dass er Mashs Leben retten kann. Um 18 Uhr wird sie eingeliefert, seit fast drei Stunden schlägt ihr Herz nicht mehr. Agudo schließt sie an ein ECMO-Gerät an, eine Art Herz-Lungen-Maschine: Es pumpt das Blut durch Mashs Körper und reichert es mit Sauerstoff an. Langsam steigt ihre Körpertemperatur. Als sie 30 Grad erreicht, wagen die Ärzte die Reanimation. Um 21.46 Uhr beginnt Mashs Herz wieder zu schlagen.

Nach zweieinhalb Tagen erwachte die Britin aus der Bewusstlosigkeit. Ihre Gehirn hatte keinen Schaden genommen. "Es ist wirklich ein Ausnahmefall", erklärt der Arzt Agudo. "Das Gehirn war sehr schnell abgekühlt und sein Sauerstoffbedarf gesunken, noch bevor das Herz zu schlagen aufhörte. Wenn erst der Herzstillstand eintritt und dann die Abkühlung, wie bei Lawinenopfern, sieht es schlecht aus. Aber wenn die Unterkühlung den Herzstillstand auslöst wie im Falle Audreys, müssen wir alles versuchen, das Opfer zu retten."