Robinsons Schwester

Thomas Weiss

Von Thomas Weiss

Di, 21. Mai 2019

Klassik

Franz Ignaz Becks Oper "L’isle déserte" in Schwetzingen.

Auch wenn Franz Ignaz Beck der "Mannheimer Schule" zugerechnet wird, ist der 1734 geborene Komponist, der schon mit 15 Jahren Mannheim verließ, heute kaum bekannt. Nach Wanderjahren in Italien ließ er sich in Bordeaux nieder, wo er bis zu seinem Tod 1809 lebte. Sein einziges vollständig überliefertes Bühnenwerk ist die Oper "L’isle déserte", die am 14. Januar 1779 in Bordeaux uraufgeführt wurde. Nun war sie als Deutsche Erstaufführung bei den Schwetzinger SWR-Festspielen konzertant zu erleben. Interessant ist, dass die Textvorlage für die "Wüste Insel", die auch Joseph Haydn vertonte, von Pietro Metastasio stammt, der ansonsten in Frankreich im Gegensatz zur sonstigen Opernwelt kaum eine Rolle spielte. Der Topos der durch widrige Umstände getrennten und nach langer Zeit wiedervereinigten Liebenden Constance und Duval wird in diesem Umfeld "exotisiert", der Hinweis auf die Popularität des Romans "Robinson Crusoe" im 18. Jahrhundert geht nicht fehl. Die Zeit auf der "Wüsten Insel" macht Constance zudem zur Männerhasserin, da sie sich von ihrem Mann Duval, der von Piraten entführt wurde, verlassen glaubt.

Die Musik von "L’isle déserte" ist nicht uninteressant, wenn auch etwas gleichförmig. Das Originalklangensemble La Stagione Frankfurt unter der zuverlässig-animierenden Leitung von Michael Schneider nimmt sich der Oper professionell an, etwas ungeschmeidig im Klang. Für Solohorn und Solooboe hat Beck Herausforderndes geschrieben, was im Schwetzinger Rokoko-Theater überzeugend gemeistert wird. Insgesamt interpretatorisch ansprechend, auch wenn es scheint, dass in der Partitur etwas mehr verborgen ist, als hier zu hören. Die gelöste Heiterkeit von Laurette, die die Lehren ihrer Schwester über die bösen Männer wohl nie ganz verinnerlicht hat, wird von Samantha Gaul vom Theater Freiburg mit einer anrührenden Mischung aus Naivität und Offenheit gestaltet. Hier findet die Musik am ehesten noch zu einem eigenen Tonfall. Gauls leicht ansprechender, mit vielen feinen Farbmischungen und Pianoabstufungen agierender Sopran ist Grundlage einer weitaus weniger klischeehaften Interpretation als die der anderen Protagonisten, obwohl der lyrische Tenor von Fabian Kelly (Sainville) ebenfalls keine Wünsche offenlässt. Ana Maria Labin als verzweifelt-verlassene Constance, die sich in den 13 Jahren zur Männerhasserin entwickelt hat, singt mit packender Inbrunst, gelegentlich an eine entfernte Verwandte der Medea erinnernd. Tenorale Seriosität, geschmeidig und wo nötig strahlend vermittelt Theodor Brown als ihr Ehemann Dorval.

Während die Partitur von Becks "L’isle déserte" erhalten blieb, aber offensichtlich später nicht mehr aufgeführt wurde, sind die Dialoge verloren gegangen, für die Gattung der Opéra comique unerlässlich, zu der die "Wüste Insel" zu zählen ist. Sigrid Behrens schuf einen vielschichtigen Zwischentext. Er reflektiert und kommentiert, ironisiert auch das recht stereotype Geschehen. Als Erzähler brilliert Dominique Horwitz, nölig-nässelnd, ein Sprach- und Darstellungsvirtuose, der perfekt mit dem Text von Behrens spielt. Was nicht unproblematisch ist, wird doch die Balance zu sehr zu Horwitz hin verschoben, der mehr Applaus als die guten Sänger und das zuverlässige Orchester erhält. Ob eine szenische Aufführung dem entgegengewirkt hätte, scheint indes mehr als fraglich.