Festival

Die "Stimmen"-Konzerte in Arlesheim sind Familientreffs mit Power

alb,tm

Von Michael Baas & Thomas Loisl Mink

Mo, 22. Juli 2019 um 11:01 Uhr

Lörrach

Mit Morcheeba und Calexico präsentiert "Stimmen" in Arlesheim mehr oder weniger alte Bekannte. Die Atmosphäre stimmte – trotz eines ungünstig geparkten VIP-Doppeldeckerbusses.

Gestriges trifft auf Gegenwärtiges: Die Gastspiele des Stimmen-Festivals auf dem Domplatz in Arlesheim am Wochenende mäanderten durch 30 Jahre Popkultur. Morcheeba, die auf Duo-Format geschrumpften Pioniere des TripHop der 90er-Jahre, verknüpften in ihrem Set ebenso altes und neues Material wie die Kollaborateure von Iron & Wine und Calexico. Letztere, das fünfte Mal beim Festival und damit Teil der Stimmen-Familie, wie Festivalchef Markus Muffler konstatierte, traten zwar nur in Rumpfbesetzung an. Der Atmosphäre auf dem von Markus Muffler 2016 wieder in die Festival-Locations aufgenommenen Domplatz tat das aber keinen Abbruch – auch wenn der im Stil eines Raumteilers zentral im Areal platzierte Doppeldeckerbus für das VIP-Publikum das atmosphärische Band zwischen Bühne und Dom eher plump für profanes Marketing nutzte.

Morcheeba

Es war in weiten Teilen eine Reise in die Vergangenheit: Morcheeba, 2011 übrigens auch schon mal bei "Stimmen", spielte viele ältere Stücke sowie ein paar des vor einem Jahr erschienen Albums "Blaze Away". Bar-Lounge-Sound, der zu einem mondänen Lokal passt, eine laszive Musik fern aller Hektik. Sinnlich, erotisch und trotz ihrer Zurückhaltung packend. Doch der Sound hat sich auch etwas bewegt, was sich schon auf "Blaze Away" andeutete. Nach dem Weggang von Paul Godfrey, der als DJ für das Elektronische zuständig war, ist Morcheeba zum Duo geschrumpft, die Musik etwas gitarrenlastiger und funkiger geworden.

An festen Mitgliedern besteht die Band nur noch aus Ross Godfrey an der Gitarre und der charismatischen Sängerin Skye Edwards. In Arlesheim wurden sie von Keyboards, Bass und Schlagzeug begleitet und boten einen entspannten, aber zugleich knackigen und vom Funk geprägten Sound. Mit lässigem Reggae-Rhythmus startete das Konzert, und der volle Domplatz jubelte, als Skye Edwards, ganz als Diva in Schwarz mit großem Hut, die Bühne betrat. Mit ihrer samtenen Altstimme prägt sie den Sound der Band, der fast immer mit gebremsten Tempo, aber zugleich mit voller Wucht daher kommt. Die Sängerin ist ganz wie die Musik von Morcheeba: elegant, geschmeidig und doch strotzend vor Kraft und zugleich voll sinnlicher Leidenschaft. Dazu gab es eine effektive Lightshow. Das Gros des Publikums auf dem vollen Platz waren Leute, die vor 20 Jahren mit Morcheeba groß geworden sind, die Hits wie "Otherwise" auf Anhieb erkannten. Immer wieder spielte sich aber Ross Godfrey mit energischen und virtuosen Gitarrensoli in den Vordergrund, die viel Applaus erhielten, und ging einmal sogar sehr in Richtung Blues. Das sei doch etwas seltsam, die Teufelsmusik im Angesicht der Kirche zu spielen, meinte er anschließend, entschuldigte sich bei Jesus und widmete das folgende Stück allen Fischern: "The Sea" aus dem Album "Big Calm" von 1998.

Es folgte ein noch älteres Stück aus dem ersten Album von 1996: "Trigger Hippie", bevor mit dem Titelsong "Blaze Away" der Bogen zum jüngsten Album geschlagen wurde. Nahtlos reihte sich das David-Bowie-Cover "Let’s Dance" ein, zumal die Musik zunehmend lebhafter und tanzbarer wurde. Als Zugabe stimmte Skye Edwards nur zu Pianobegleitung Gershwins "Summertime" an, das nahtlos in "It’s Summertime" vom jüngsten Album überging. Und als letztes Stück kam der wohl größte Hit der Band "Rome Wasn’t Built in a Day": Power-Funk, bei dem der Platz tobte.



Calexico Mit Iron & Wine

Calexico und Sam Beam, der sich als Künstler Iron & Wine nennt, kennen sich schon lange. Aber man war "busy", zu beschäftigt, diese Beziehung in Fassbares umzusetzen, erklärt Joey Burns im Lauf des rund 100-minütigen Auftritts dem dicht, indes keineswegs gedrängt stehenden Publikum. Seit Juni aber liegt mit "Years to Burn" hierzulande ein neues Gemeinschaftswerk vor. Das promoten die Akteure nun mit einer Tournee. Redseliger als sonst oft, ulkend, foppend und mit spontanem Gespür für Situationskomik – so lupft Burns seinen weißen Borsalino zum Gruß, als die Domglocke 22 Uhr schlägt – führen B & B (Burns und Beam) durch das dafür zusammengestellte Set.

Dieses schöpft aus Œuvres seit der Jahrhundertwende. Da gibt’s eine Handvoll Songs vom ersten gemeinsamen Album "In the Reins" von 2005, darunter sehr bald das weiche, mit jazzigem Besenschlagzeug (John Convertino) arrangierte "He Lays in the Reins". Noch mehr Stücke aber stammen vom neuen Album, das leicht nostalgisch vom Leben jenseits des Jungseins, von Höhen und Tiefen erzählt. Das beginnt mit dem Eröffnungsstück, dem im Viervierteltakt leicht rockenden "Father in Mountain", und endet beim Titelsong, dem weichgespülten, ruhigen "Years to Burn" als Zugabe. Eingestreut sind Kostproben anderer Alben – bis zum jüngsten Calexico-Werk "Thread That Keeps Us". Davon gibt’s "Flores Y Tamales" im mitreißenden Salsa-Groove, der schnell überschwappt und alle Ingredienzen der Calexico-Rezeptur bietet: schmachtenden Gesang, treibende Rhythmen, die sentimentale Trompete (Jakob Valenzuela), Tex-Mex-Feeling.

Viele Songs aber haben eine Folk- oder Country-Note samt Akkordeon (Rob Burger). Das ist die Handschrift von Sam Beam, der aus der Singer-Songwriterecke kommt und es offenbar gerne ruhiger hat. "Settle down" beruhigt er das Publikum nach einer bewegteren Passage einmal. Aber es gibt auch pulsierende Akzente: Der Neofolksong "Red in the Dust" von 2002 etwa mit Chorgesang à la Crosby, Stils und Nash, die wiederholt Pate gestanden zu haben scheinen, Kontrabass (Sebastian Steinberg) und repetitiven Patterns packt ebenso wie das gegen Ende in Indie-Rock-Manier gespielte "Boy With A Coin" oder die "Bitter Suite", nach dem etwas eintönigen Akustik-Block mit Burns und Beam im Duo.

Musikalisch überwiegt bei aller SingerSongwriter-Attitüde aber doch Vielfalt, Offenheit und Humor, die an sich schon ein Kontrastprogramm zum tumben Make-America-Great-Again-Gerede Donald Trumps sind, ein anderes Amerika zeigen, das dieser Tage oft im Abseits steht. Auch das ist schon eine Botschaft. "Wir suchen die Momente, in denen Magie entsteht", beschrieb Burns die Arbeit an "Years to Burn" im Deutschlandfunk. Zumindest phasenweise gelingt der sechsköpfigen Band diese Magie auch auf dem Domplatz.