Nach dem Schleudergang

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Di, 13. August 2019

Rock & Pop

Mit ihrem neuen Werk "Pura Vida" verarbeitet die Fado-Sängerin Mísia ihre überstandene Krebserkrankung.

Im Booklet ihrer neuen CD sieht man ein seltsames Bild: Mísia schlüpft aus der Waschtrommel heraus wie aus einem Mutterleib, umgeben von Gegenständen, die ihr lieb und teuer sind. Darunter befinden sich etwa ein Foto ihrer Mutter, ein Figürchen des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa, eine Marienstatue. "So war das Leben von 2016 bis 2018 zu mir, wie eine Waschmaschine", sagt die 63-Jährige. "Nur wusste ich nicht, welches Programm eingestellt war, wann Wasser kam, wann der Schleudergang – und wann das Ganze aufhören wird." Mísia spricht mit fester Stimme, da ist nichts Anklagendes, nichts Pathetisches.

Wer einmal Krebs gehabt hat, für den ist nichts mehr wie zuvor. Und natürlich wirkt sich eine überstandene Krankheit auch auf den Schöpfungsprozess einer Künstlerin aus. Mísia hat sie zum Leitthema des Albums gemacht, nie plakativ, immer mit poetischem Feingespür. Und sie hat anhand ihrer Leidensgeschichte und Wiedergeburt die ur-portugiesische Musik, den Fado, den sie seit fast 30 Jahren immer wieder neu erfunden hat, nochmals auf eine andere Stufe transzendiert. Da ist nichts von klassischer Besetzung mit Bass, portugiesischer und spanischer Gitarre. Vielmehr beginnt "Pura Vida" mit einer Bassklarinette. Später rückt immer wieder eine E-Gitarre in den Mittelpunkt, mal vordergründig rotzig, mal unterschwellig und geräuschhaft.

"Alle großen Weltreligionen sagen, dass das Leben mit einem Atemhauch anfing. Die Klarinette steht für diesen Atem, der wieder in mein Leben trat", erklärt Mísia. "Und die elektrische Gitarre steht für das Dunkle, Gefährliche, die Störung, für die Nähe zum Tod, die ich erfahren habe. Deshalb bat ich den Musiker auch, sie sehr rau zu spielen. Die portugiesische Gitarre dagegen verkörpert das Spirituelle, das Kristalline, den Himmel."

Halb Spanierin, halb Portugiesin hat Mísia stets eine gesunde Distanz, eine Außenperspektive zum Fado pflegen können. Sie löste sich immer wieder von ihm, beschritt Seitenpfade in den Pop, die Klassik, den Tango. "Pura Vida" ist in diesem Sinne radikal: "Wie der Titel schon sagt, wollte ich pure musikalische Noten, reine Musik ohne Klassifizierung. Ich sagte zu meinem künstlerischen Leiter, dem Pianisten Fabrizio Romano: Nimm diese Melodien, aber behandle sie in den Arrangements nicht als Fado, gib ihnen alle Freiheiten. Denn auch das ist die Erkenntnis der letzten beiden Jahre: Ich habe gelernt, frei zu sein."

Und so lässt sie Fado mit Tango verschmelzen und kollidieren, legt unter Amália Rodrigues’ Hymne "Lágrima" einen E-Gitarren-Kontrapunkt, verleiht dem "Fado Dos Dois Pardais", in dem der Körper als Käfig besungen wird, den Duktus eines Schubert-Liedes. Und, schöner Kunstgriff, sie beklagt sich in den Worten ihres favorisierten Theaterautors und Dichters Tiago Torres da Silva, der ihr vier Texte geschrieben hat, über den Fatalismus selbst, der dem Fado so zu eigen ist: "Jedes unserer Schicksale ist wie eine Beleidigung."

Nein, fatalistische Akzeptanz lag ihr fern während ihres Krebsleidens. Selbst mit Infusionen unter der Kleidung ging sie auf die Bühne, ließ kein einziges Konzert ausfallen. Und sie beteuert, dass ihre Stimme nicht unter der Krankheit gelitten hat: "Sie hat sich nur in puncto Ausdruck der Gefühle verändert, das Timbre, die Tonalität sind die gleichen geblieben. Sie ist menschlicher, organischer geworden. Es ist, als hätte ich einen Ort entdeckt, zu dem ich gehen konnte, um meine Stimme wiederzubekommen, einen Ort, wo sich die Stimme meines Inneren und meines Äußeren neu begegnen konnten."

Die intensivsten Momente auf "Pura Vida" sind diejenigen, auf denen sie sich der Vermählung mit dem Tango hingibt, einmal mit dem Gast Melingo, einmal in ihrer Adaption des von Horacio Ferrer geschriebenen Tangos "Prelúdio Para El Año 3001". "Der Tango ist dem Fado viel näher als der Flamenco, sie sind eine Familie", sagt Mísia. "Doch der Tango fährt viel mehr in die Eingeweide, ist temperamentvoller. Schon früher, nach einem Konzert in Buenos Aires, sagten mir Leute, ich sollte doch mal das Prelúdio interpretieren, es sei wie geschrieben für mich. Jetzt war der richtige Zeitpunkt dafür, denn am Ende des Textes heißt es: Ich werde wiedergeboren werden! Als ich das im Studio sang, musste ich weinen. Sehr reinigend war das, tatsächlich wie eine Waschmaschine."

Mísia: Pura Vida (Galileo).