Schmopfis und Urgreise

Caroline Bock

Von Caroline Bock (dpa)

Di, 17. November 2020

Panorama

Viele Familien oder Gruppen haben eigene Insider-Aussprüche.

Die Oma erfand ständig neue Wörter oder benutzte Wörter falsch, aus Unwissenheit. Und so bürgerte sich in einer Familie aus Nordrhein-Westfalen ein, "Usesamba-Veilchen" statt "Usambara-Veilchen" zu sagen. Oder "Er ist lediglich" statt "Er ist ledig". Viele Familien kennen das: Sie prägen Begriffe und Redensarten, die nur sie verstehen. Außenstehende rätseln dann. Wer ahnt schon, dass ein "Genscher-Baby" ein dickes Kind bezeichnet?

Noch ein paar Beispiele, gesammelt in deutschen Familien: Hunde im Alter heißen wegen ihrer schwächelnden Blase "Pissikowski". Ein "Huschmich" ist ein unheimlicher Einsiedler. "Gehackter Hund" steht für eine Cola-Apfelsaft-Mischung. "Vertrago mago in Chicago?" sagen zwei Schwestern, wenn sie sich gestritten haben und versöhnen wollen. "Das funktioniert in allen Sprachen", sagt der Sprachwissenschaftler Lutz Kuntzsch. Bei ihm in der Familie ist es eine Redensart von der sächsischen Großmutter, die zum Insider wurde: "Nee, Kinder, dass wir das noch erleben dürfen." Auch Fehler als Redensart kennt er: "Ich hätte es gerne mit pur." Die Insidersprache ist ein universales Phänomen: "Es geschieht überall, wo sich Menschen unterhalten." Es gebe keine Gruppe, in der das nicht passiere. Es trage zu ihrer Identität bei.

Der Sender BBC sammelte über Facebook etliche Kommentare, was in englischsprachigen Familien kursiert: Im Haus einer Großmutter hieß etwa die Toilette im Erdgeschoss "The Gerald" – weil dort ein gleichnamiger Junge stecken blieb und ewig nicht herauskam. Einen "Rabbit Check" ("Kaninchen-Check") macht eine Familie, bevor sie aus einem Hotel abreist – um zu gucken, ob nicht ein Kuscheltier liegen geblieben ist.

Auch in berühmten Familien gibt es solcherlei Interna. Einen Exkurs zur Familie Thomas Manns kann die Lübecker Autorin Kerstin Klein ("Die Briefe der Manns") beisteuern. Berühmt-berüchtigt sind ihr zufolge die Spitznamen: Die Eltern hießen "Mielein" und "Pielein", Klaus Mann wurde "Aißi/Eissi", Elisabeth Mann "Medi", Michael Mann "Bibi" gerufen. Die Großeltern Pringsheim hießen die "Urgreise". Und ein Freund der Familie bekam den Spitznamen "Nebel" wegen seiner undeutlichen Ausdrucksweise. "Vogerl" waren bei den Manns aus NS-Deutschland geflüchtete Emigranten. Mit "das Kleinbürgerliche" wurde Klaus Manns Drogenkonsum umschrieben.

"Duden"-Chefredakteurin Kathrin Kunkel-Razum ist auch der Meinung, dass die Insider-Begriffe mit Gruppenidentität zu tun haben, es grenze nach außen ab und schaffe zugleich Nähe. Sie verweist auf "verhüllende Schimpfwörter", die in Familien sprachlich flauschig verpackt werden. Aus ihrer eigenen Familie kennt sie den "Schmopfi" – das klingt netter als der damit gemeinte Dummkopf. Ihr Ehemann nutzt das Wort "Lügtüte" – was sich ebenfalls freundlicher anhört als der damit gemeinte Lügner.