Willy & Co.

Konstantin Wecker steht in Schopfheim fast drei Stunden lang auf der Bühne

Ralph Lacher

Von Ralph Lacher

Fr, 08. November 2019 um 19:28 Uhr

Schopfheim

Der Liedermacher zeigt in der Stadthalle einmal mehr, dass er sich auch jenseits der 70 noch empören kann und stellt fest: "Alles klar – ich bin immer noch Anarchist."

Er ist ein Künstler, der auch nach fast 50 Bühnenjahren immer noch viel zu sagen hat, der Münchner Liedermacher Konstantin Wecker. Am Donnerstagabend gab er einen knapp dreistündigen Auftritt in Schopfheim. Dort erlebten die Zuhörer in der nahezu ausverkauften Stadthalle ein Konzert, geprägt von der musikalisch-poetischen Kraft und Aussage eines Musikers, der Politik, Wirtschaft, Gesellschaft in dieser Republik genau beobachtet. Der aber auch eine private, poetische Seite hat, immer noch ein genialer Liedermacher ist. Und einer, der sich nach wie vor als Mahner für Toleranz und Rufer gegen Machtmissbrauch, Willkür und Gewalt jeder Form versteht.

Mit einem Klassiker, dem "Willy" in umgeschriebener Form beginnt Wecker seine "Solo zu zweit"-Tour in Schopfheim. Am Flügel hämmert er den 1970-er-Jahre-Song über den von Neonazis umgebrachten Münchner Willy hinaus – im Text geht es aber um AfD, Antisemitismus, Kapitalismus und Neoliberalismus. Und als er nach fünf Minuten Statement den Flügel seinem Partner Jo Barnikel überlässt, meint er zum Publikum: "Alles klar – ich bin immer noch Anarchist."

Das Älterwerden und die damit einhergehende Demut

Um Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der Republik geht es auch in den folgenden knapp drei Stunden immer wieder. Viel Raum lässt Wecker aber für Lesungen von Gedichten und Roman-Teilen aus eigener Feder, sitzt dazu entweder am Barhocker neben dem Flügel oder am Bistro-Tisch. Auch die lyrischen Teile seines Werkes haben politischen Gehalt, allerdings dominiert oft angenehm das persönlich-poetische. Er singt über seine Kinder, die Liebe zu seinen Eltern, das Älterwerden und die damit einhergehende Demut, hat aber auch Lieder aus seiner toskanischen Wahlheimat im Repertoire und vergisst nicht, an seine schwierige Lebensphase mit Koks und Gefängnis zu erinnern.

Richtig intensiv wird Weckers Vortrag dann, wenn er über Unrecht spricht, wenn seine trotz bald 72 Jahren ungebrochen klare Stimme mahnend das ausdrückt, was Wecker mit dem Herzen denkt. Die Kraft, die Wecker immer noch hat, wird in Liedern wie "Sage nein" oder "Empört euch" deutlich – auch dank der tollen Begleitung von Tastenvirtuose Jo Barnikel. Vor allem gegen Ende des Konzerts und im großen Zugabe-Block nimmt die Musik Fahrt auf, steuert sogar in bluesig-rockige Sphären.

Er will zum Nachdenken anregen

Und der Mann, der sich in Schopfheim durchaus als Revoluzzer, als Anarchist gibt, mit dieser Selbsteinschätzung aber auch liebenswert locker und selbstironisch kokettiert, taucht ins Publikum ein. In diesem hat er zuvor "mehrheitlich Deutschlehrer" erkannt und diese und alle anderen reißt es von den Sitzen. Was bleibt nach dem Drei-Stunden-Bühnenmarathon ist das Gefühl, dass wer wie Wecker "mit dem Herzen denkt", vielleicht etwas ändern kann. "Ich will Euch nicht erziehen", singt Wecker in "An meine Kinder". Aber zum Nachdenken anregen will der bekennende Idealist und Alt-68-er allemal, erziehende Wirkung also nicht ausgeschlossen. Er hatte also immer noch viel zu sagen, auch in Schopfheim. Da wäre es schön gewesen, es hätten einige mehr aus der Alterskategorie "U50" den Weg in die Halle gefunden.