"Eine der besten Erfahrungen"

Mo, 02. September 2019

Schülertexte

ZISCHUP-INTERVIEW mit dem Jugendlichen Matti Rehberger, der ein Jahr lang in einem US-amerikanischen Städtchen gelebt hat.

Mit 16 Jahren für ein Jahr in die USA. Ganz schön cool. Und ganz schön mutig. Der 16-jährige Matti Rehberger hat sich getraut und ein Jahr in einem kleinen Ort an der Ostküste der USA verbracht. Sein Bruder Jari Rehberger, Schüler der Klasse 8 des Evangelischen Montessori-Schulhauses in Freiburg, hat ihn zu seinem Auslandsjahr interviewt. Das Gespräch fand bereits vor einigen Monaten statt.

Zischup: Erzähl doch mal, wo genau hat es dich in den USA hin verschlagen? Immerhin sind die USA ganz schön groß. Was kannst du über deinen Wohnort berichten?
Matti: Ich lebe in einem eher kleinen Ort mit etwa 2000 Einwohnern. Er heißt Wakefield und liegt im Bundesstaat Virginia an der Ostküste der USA. Wir sind ungefähr eine halbe Stunde von der Atlantikküste entfernt. Wakefield ist deutlich kleiner als Freiburg, aber es gefällt mir dort, und man kennt die meisten Menschen dort sehr schnell.

Zischup: Nur 2000 Einwohner, das ist echt klein. Gibt es dort Geschäfte?
Matti: Ja klar, es gibt eine Tankstelle, einen kleinen Laden, sogar ein Fitness-Studio. Und ich habe Glück, es gibt eine Schule direkt am Ort, so dass ich zu Fuß dorthin gehen kann. Die meisten Kinder in den USA, die auf dem Land wohnen, müssen sehr lange mit dem Schulbus zur Schule fahren. Krass ist, dass es sogar ein Schwimmbad gibt. Das haben die Bewohner gemeinsam für sich gebaut.

Zischup: Bei wem wohnst du und wie ist das Leben da so?
Matti: Ich wohne bei einer Gastfamilie, sie haben einen Sohn, der ein Jahr jünger ist als ich. Ich habe wirklich riesiges Glück mit meiner Gastfamilie. Wir haben uns gesehen, und es passte einfach vom ersten Tag an total gut. Wir verstehen uns richtig gut und haben viel Spaß miteinander. Mein Gastbruder interessiert sich, wie ich auch, für Fußball, und schaut sogar einige europäische Ligen, zum Beispiel die italienische. Sein Lieblingsverein ist AC Florenz. Er spielt sogar in einem Verein. Das Training ist aber eine Stunde mit dem Auto von Wakefield entfernt. In den USA ist Soccer, also Fußball, nicht so verbreitet wie bei uns in Deutschland. Viel häufiger wird dort Football und Baseball gespielt. Aber ich habe Glück – als meine Gastfamilie erfahren hat, dass ich ein Riesenfan des SC bin, haben sie extra für mich einen Kabelkanal abonniert, wo ab und zu auch Spiele des SC Freiburg live übertragen werden.

Zischup: Da hast du ja echt Glück mit deiner Gastfamilie. Wie kamst du an die Familie?
Matti: Der Austausch wird von YFU (Youth for Understanding) organisiert, das ist eine Organisation, die es schon seit mehr als 65 Jahren gibt. Ich habe dort ein Profil erstellt, ein bisschen was über mich und meine Interessen aufgeschrieben. Die Familien in den USA, die sich für einen Austausch bereit erklärt haben, bekommen dann einige Profile von Jugendlichen aus verschiedenen Ländern zur Ansicht, und schauen dann, ob jemand gut passt. Da hatte ich wohl einfach ein Riesenglück, dass ich von meiner Familie ausgewählt wurde.

Zischup: Wie kamst du auf die Idee, ein Auslandsjahr zu machen?
Matti: Auf die Idee ein Austauschjahr zu machen, kam ich durch einen Nachbarjungen, der vor drei Jahren auch ein Jahr in den USA verbracht hat. Das hat mich neugierig gemacht, und als YFU an meiner Schule eine Info-Veranstaltung angeboten hat, bin ich hingegangen und habe mich dann beworben. Die Idee, mal ein ganzes Jahr lang einen Einblick in ein komplett anderes Leben zu haben, fand ich sehr spannend. Die Bewerbung war allerdings aufwändig. Man musste irre viele Fragen beantworten. Und es gab ein Auswahlgespräch.

Zischup: Deine Organisation bietet den Austausch mit über 50 Ländern an. Warum hast du dich für die USA entschieden?
Matti: Mein Nachbarjunge hat mich mit seinen Erzählungen sicher beeinflusst. Aber ich war auch vor fünf Jahren schon mal im Urlaub in den USA und fand das Land sehr spannend. Ich wollte auch in jedem Fall in ein englischsprachiges Land gehen, also kamen nicht so viele Länder für mich in Frage.

Zischup: Was ist der größte Unterschied in deinem Alltag in den USA im Vergleich zu dem Leben in Deutschland?
Matti: Der Schultag geht hier täglich bis halb vier. Im Anschluss habe ich dann noch etwa zwei Extrastunden Sport in der Schule, danach müssen noch Hausaufgaben gemacht werden, da die sehr streng kontrolliert werden. Wer zwei Mal seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, bekommt in dem Fach ein "F" als Grade, das wäre in Deutschland eine Sechs. An zwei Tagen in der Woche haben wir noch Fußball-Training, da kommen wir dann erst gegen halb zehn Uhr abends zum Abendessen. Insgesamt ist meine Schule hier schon sehr anders als in Deutschland. Wir bekommen zum Beispiel vier Mal pro Halbjahr ein Zwischenzeugnis. Die Lehrerinnen und Lehrer loben sehr viel, sind aber auch zum Teil sehr streng, wenn man nicht mitarbeitet oder etwas vergisst. Und wir schreiben viel mehr – in Englisch lernen wir zu argumentieren und müssen lange Essays über viele verschiedene Themen schreiben, die wir uns selbst erarbeiten müssen.

Zischup: Was machst du für Sport?
Matti: Da mein Gastbruder Profil-Cross-Country-Running hat, habe ich das auch gewählt. Da läuft man meistens 5K, also fünf Kilometer, und es findet draußen im Gelände statt, das ist viel anstrengender als auf dem Sportplatz. Und wenn es regnet, ist man danach komplett matschig. Aber es macht riesig viel Spaß, obwohl es krass ist, jeden Tag zu trainieren, nur am Wochenende ist Pause.

Zischup: Gibt es in deiner Schule in den USA andere Fächer als in Deutschland?
Matti: Mein Stundenplan ist jeden Tag gleich. Erst habe ich immer Sport, danach Spanisch. In meinem Fall heißt das allerdings Freistunde, da ich noch nie Spanisch hatte. Dann folgt Geschichte, da geht es im Moment ausschließlich um die frühe amerikanische Geschichte. Danach habe ich Englisch, dann Naturwissenschaften, was in meinem Jahr Biologie ist. Man hat hier jedes Jahr eine andere Naturwissenschaft. Dann ist Mittagspause, wo alle zusammen essen, danach folgt das Fach Service Learning. Da geht es um soziale Fähigkeiten und Projekte. Wir helfen dort zum Beispiel für Obdachlose Essen zu kochen. Am Ende des Schultages habe ich Mathe. Hier wird meist Stoff gelernt, den ich schon in Deutschland gelernt habe. Allerdings lerne ich hier oft andere Rechenwege kennen. Und dann folgt eben noch Cross-Country-Running.

Zischup: Was gefällt dir besonders an deinem Leben als Austauschschüler?
Matti: Ich finde so ziemlich alles an meinem Austausch hier toll. Ich lerne viele neue Dinge und auch neue Sichtweisen auf die Welt. Ich werde auch viel über Deutschland gefragt und finde es interessant, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu entdecken. Und es ist eine tolle Gelegenheit, neue Freunde kennenzulernen. Natürlich ist es manchmal auch ganz schön anstrengend, aber das ist es wert, denn ich erlebe vieles, was ich zu Hause so nicht erleben kann.

Zischup: Was war bisher deine größte Herausforderung?
Matti: Ich denke die ersten Tage. Da habe ich mich noch sehr unsicher in der Sprache gefühlt und manche Worte oder die Aussprache nicht immer verstanden. Und ganz zu Beginn kannte ich natürlich noch niemanden so richtig. Das war bei mir aber nach zwei Wochen vorbei, und seitdem fühle ich mich superwohl hier.

Zischup: Hattest du Heimweh?
Matti: Ja, ein oder zwei Mal, für ein paar Minuten, aber es geht mir hier so gut, da ist eigentlich gar keine Gelegenheit für Heimweh. Außerdem skype ich ab und zu mit meinen Freunden und meiner Familie in Deutschland.

Zischup: Was denken die Amerikaner über Deutsche? Was sind deine Erfahrungen?
Matti: Das ist unterschiedlich. Einige Amerikaner wissen nicht so viel über Deutschland oder haben ganz falsche Vorstellungen, aber ich habe auch schon viele getroffen, die Verwandte oder Vorfahren in Deutschland haben und die sehr gerne mal nach Europa reisen wollen. Allerdings haben viele Amerikaner nur zwei Wochen Urlaub im Jahr, da ist das nicht so einfach.

Zischup: Hast du Kontakt zu anderen Austauschschülern?
Matti: Mit YFU, meiner Austausch-Organisation, hatten wir ein Vorbereitungstreffen, wo ich einige andere Austauschschüler kennengelernt habe, mit denen ich öfter mal Kontakt habe. Die meisten erzählen Ähnliches wie ich, aber es gibt auch ein paar, die nicht so gut zurecht kommen, zum Beispiel, weil die Gastfamilie nicht so gut passte und sie zu einer anderen Familie wechseln mussten.

Zischup: Auf was freust du dich in Deutschland am meisten wieder?
Matti: Am meisten auf meine Familie und Freunde. Und auf gutes Brot und Schokolade, das finde ich in den USA nicht so lecker. Und ganz klar: Endlich wieder mit meiner Dauerkarte zum SC auf die Nordtribühne zu gehen, das vermisse ich echt. Sonst ist alles bestens hier.

Zischup: Würdest du anderen auch ein Austauschjahr empfehlen?
Matti: Definitiv! Für mich ist es eine der besten Erfahrungen meines Lebens und ich kann nur jedem empfehlen, über so einen Austausch nachzudenken.