Zischup-Interview

Heimatlos in der eigenen Heimat

Leni Strosack, Klases R8a, Klosterschulen, Offenburg

Von Leni Strosack, Klases R8a, Klosterschulen & Offenburg

Mo, 02. September 2019 um 11:14 Uhr

Schülertexte

Christine und Peter Kessler sind die Großeltern von Zischup-Reporterin Leni Strosack, Schülerin der Klasse R8a der Klosterschulen in Offenburg. Die beiden sind in Polen aufgewachsen und wurden dort aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert.

Zischup: Opa, wie war es, als Deutschstämmiger in einem kommunistischen Staat wie Polen aufzuwachsen?
Peter Kessler: In Polen konnte ich nie meine eigene Muttersprache lernen, da es uns verboten war, in der Öffentlichkeit Deutsch zu sprechen. Selbst im Haushalt sprachen die Älteren nie vor den Kindern Deutsch. Ich bin in Polen geboren, weshalb ich mich eigentlich immer als Pole sah, trotz meines deutschen Namens. Dieses Gefühl wurde mir aber nie vermittelt, ich war immer "der Deutsche". Später, im polnischen Militär, erlebte ich aufgrund meiner Abstammung Diskriminierung von allen Seiten. Kameraden beschimpften mich auf das Schlimmste und Kommandanten machten mich zum Gespött. Dabei muss ich sagen, dass ich von Deutschstämmigen in meinem Bekanntenkreis erzählen kann, die Schlimmeres erlebt haben. Ein Arbeitskollege meines Vaters wurde in einer Kneipe festgenommen, da er ein bekanntes deutsches Lied sang. Das ist, meiner Meinung nach, ein banaler Vorwurf.


Zischup: Wie sah damals eure Zukunft aus?
Christine Kessler: Über meine Zukunft machte ich mir nie Gedanken! Wir lebten immer für den Tag und über Morgen dachten wir nicht nach. Unsere Lebensumstände waren einfach, weshalb es uns nicht möglich war, unsere Träume zu verwirklichen. Ein Kindheitswunsch ging dennoch für mich in Erfüllung! Ich wurde nach langer Ausbildung endlich Krankenschwester. Damals war das für mich ein bedeutender Schritt in die Zukunft.


Zischup:
Opa, was hat dich schließlich dazu bewogen, nach Deutschland zu kommen?
Peter Kessler: Inzwischen war fast meine ganze Familie in Deutschland. Natürlich war das kein bewegender Grund für mich, da ich als Ehemann und Vater von zwei Kindern eine Familie in Polen hatte. Als aber meine Schwester plötzlich verstarb, fuhr ich zur Beerdigung nach Deutschland. Ich beschloss, bei den Verwandten zu bleiben, und meine Familie so schnell wie möglich nachkommen zu lassen. Das erwies sich jedoch als sehr schwierig. Oma beantragte mehrmals eine Ausreisegenehmigung, ohne Erfolg. Der Staat ließ sie nicht aus dem Land. In den fünf Jahren versuchten wir mit allen Mitteln, wieder als Familie zusammenzukommen. Immer wieder schrieben wir Briefe an die Hauptstadt Bonn, doch niemand des Auswärtigen Amtes konnte weiterhelfen. Wir versuchten Treffen zu vereinbaren oder telefonierten meist Stunden miteinander. Die Gesichter der jeweils anderen hielten wir auf Bildern fest, damit sie nicht in Vergessenheit gerieten. Auf beiden Seiten stellten wir uns immer wieder die Frage: Wann werden wir uns wiedersehen?

Zischup: Oma, wie kamen du und die Kinder schlussendlich nach Deutschland?
Christine Kessler: Jahre warteten wir auf die Genehmigung, auf ein Wiedersehen. Es schien, als hätte man uns vergessen. Desto überraschender war es dann für uns, als wir 1980 endlich das Land verlassen durften. Es war wie eine neu gewonnene Freiheit!
Zischup: Wie war das erste Wiedersehen nach so langer Zeit?
Peter Kessler: Schockierend war für mich, dass ich meinem eigenen Sohn nicht im Gedächtnis geblieben bin. Beim Wiedersehen war ich für ihn ein fremder Mann.
Christine Kessler: Das ist vermutlich der emotionalste Moment in meinem Leben gewesen! Einen geliebten Menschen nach so langer Zeit wieder in die Arme schließen zu können, ist ein unbeschreibliches Gefühl. Schätzt eure Familie!