"Tradition bedeutet nicht altbacken"

Beate Zehnle-Lehmann

Von Beate Zehnle-Lehmann

Fr, 13. September 2019

Schuttertal

BZ-INTERVIEW: Mitinhaber Udo Fischer über 120 Jahre Fischerkleidung und was er als Erfolgsgeheimnis der Firmengeschichte sieht.

SCHUTTERTAL-SCHWEIGHAUSEN. Das Traditionshaus Fischerkleidung in Schweighausen auf dem Geisberg besteht seit 120 Jahren. Das feierte die Firma im Rahmen ihres dreitägigen Herbstfest. Was einst als Hausschneiderei Ende des 19. Jahrhunderts gegründet worden war, ist zu einem Unternehmen mit 68 Angestellten gewachsen. Beate Zehnle-Lehmann sprach mit Udo Fischer, der den Betrieb mit seinem Bruder Jan Fischer führt.

BZ: Herr Fischer, was glauben Sie, sind die Grundpfeiler Ihrer Firmengeschichte?

Fischer: Ganz oben steht für mich, dass wir als Familie immer zusammengehalten haben. Unsere Eltern Frieda und Adolf haben Tag und Nacht gearbeitet und ihr Hobby zum Beruf gemacht. Zum Wachstum zählt auch sicherlich, dass wir Mitarbeiter haben, die seit 40 Jahren in unserem Betrieb arbeiten. Das schafft nicht nur Erfahrung, sondern auch Zuverlässigkeit.

BZ: Ihr Urgroßvater Josef Fischer gründete das Haus Fischer 1899 als Einmann-Betrieb. Heute beschäftigen sie 68 Angestellte. Was würde er dazu sagen?

Fischer: Vor allem würde er sich wohl freuen, dass wir den Standort auf dem Geisberg trotz der Abgeschiedenheit und ohne Laufkundschaft nie gewechselt haben. Diese Frage hat sich für alle Generationen nie gestellt.

BZ: Wenn man Fischerkleidung hört, dann verbinden das viele Leute immer noch mit reiner Trachtenmode. Empfinden Sie das als angestaubtes Image?

Fischer: Dieses Bild existiert tatsächlich noch in vielen Köpfen. Nein, das empfinden wir gar nicht, denn Tradition darf man nicht mit altbacken verwechseln. Die Trachtenmode macht etwa 20 Prozent unseres Sortiments aus, es gibt aber noch viele Fachabteilungen wie die Ausstattung von Brautpaaren und ihren Gästen, klassische Damen- und Herrenbekleidung oder Arbeitskleidung.

BZ: Ihre Waren stellen Sie alle in der eigenen Kleiderfabrik vor Ort her. Auf was bauen Sie dabei?

Fischer: Sehr wichtig ist, dass wir von der Produktion an direkt am Endverbraucher sind. Wir verwehren uns Billigware aus Ländern wie Bangladesch oder Thailand und verwenden nur hochwertige Stoffe, die aus deutschen Webereien kommen. Das ist allerdings eine Herausforderung, denn durch die Produktionsverlagerungen nach Asien sind nicht mehr alle Hersteller aus der Vergangenheit da. Wir möchten den Kunden aber garantieren, auch nach vielen Jahren Änderungen oder Neuanfertigungen wie beispielsweise für einen neuen Dirigenten im Musikverein vornehmen zu können. Oder, wenn sich der Umfang einer Person ändert, was wir ja wohl alle kennen (lacht).

BZ: Tatsächlich bietet Ihr Haus auch Mode für große Größen. Haben Sie eine Klientel dafür?

Fischer: Ja, durchaus. Da es ein sensibles Thema ist, braucht es eine taktvolle und persönliche Beratung. Ein Beispiel: Ein Mann aus Freiburg kam vor vielen Jahren zu uns, um einen Anzug zu kaufen. Er erzählte, dass er in einem Geschäft war und bei seiner Anfrage mehr oder weniger abwertend von oben bis unten mit Blicken angeschaut worden sei mit der Antwort ’In Ihrer Größe haben wir nichts’. Der Kunde kommt heute noch zu uns.

BZ: Zu ihrem Bekleidungshaus gehört auch ein Bistro. Darf ich tippen: Damit wollen Sie die Männer bei Laune halten, die während eines Einkaufs auf ihre Frauen warten müssen?

"Der Herr wartete draußen,

während sich die Dame

umschaute. Das

konnte dauern."

Fischer: (lacht) Ja, so ungefähr. Früher war’s wirklich oft so, dass der Herr draußen gewartet hat, während sich die Dame ausgiebig umschaute. Das konnte schon mal dauern. Heute kann man im Bistro warten, und es kommen auch Frauengruppen, die sich einen schönen Einkaufstag machen und danach noch Kuchen oder einen Wurstsalat essen.

BZ: Sie haben auch eine Änderungsschneiderei vor Ort – wie schnell ist die?

Fischer: Da wir abgelegen auf dem Geisberg liegen, und die Anfahrt in der Regel nicht kurz ist, nehmen wir die eventuellen Änderungen nach einem Kauf gleich vor. Dafür stehen immer zwei Schneiderinnen bereit. Und die Kunden können im Bistro darauf warten (lacht).

BZ: Sie stellen auch Uniformen oder Kostüme her, wer sind diese Kunden?

Fischer: Das sind Musik- und Gesangvereine, Narrenzünfte, Verkehrsbetriebe oder Theater. Und wir fertigen sämtliche Bekleidung für die Angestellten im Europa-Park. Es kann auch schon mal sein, dass wir Besuch kriegen von einer ganzen Stadtkapelle, zum Maßnehmen für neue Uniformen.

BZ: Wie begegnen Sie der heutigen Zeit des Online-Handels ?

Fischer: Die Herausforderung ist, sich weiterzuentwickeln, ohne den Qualitätsstandard zu verlassen. Dazu braucht es neben den Fachkräften eine innovative Ausstattung wie eine Zuschnitt- oder Stickerei-Anlage. Und wir haben viele junge Mitarbeiter, darunter sechs Azubis.

Udo Fischer ist gelernter Schneider und Bekleidungstechniker. Der zweifache Familienvater führt das Unternehmen in vierter Generation gemeinsam mit seinem Bruder Jan Fischer, der Textilbetriebswirt ist. In seiner Freizeit ist Udo Fischer ein begeisterter Imker, außerdem ist er Mitglied in vielen Vereinen seines Heimatorts Schweighausen.