Baden-Württemberg

Schweineställe im Land werden nur alle 11,5 Jahre kontrolliert

dpa

Von dpa

Mi, 04. August 2021 um 14:07 Uhr

Südwest

Immer wieder kommen grausame Aufnahmen aus Schlachthöfen und Mastbetrieben ans Licht. Teil des Problems: Kontrolleure schauen nur sehr selten vorbei, wie neue Zahlen zeigen.

In Baden-Württemberg müssen Schweinemastbetriebe im Durchschnitt nur alle 11,5 Jahre mit einer Kontrolle rechnen. Das ergab eine Anfrage der SPD-Fraktion an das CDU-geführte Agrarministerium. Bei Legehennen beträgt diese Zeitspanne 9,6 Jahre, bei Truthühnern 13,7 Jahre - und bei Masthühnern sogar 29,4 Jahre. Von insgesamt 6705 kontrollpflichtigen Schweinemastbetrieben bekamen vergangenes Jahr nur 506 tatsächlich Besuch von den Behörden.

"Es geht einfach nicht, dass ein Betrieb, der viele hundert Tiere hält, nur alle Jubeljahre mit einer Kontrolle rechnen muss", kritisierte SPD-Fraktionschef Andreas Stoch. "Kontrollen sind wichtig, um Missstände schneller zu bemerken und zu beseitigen. Damit wäre der gesamten Landwirtschaft gedient." Betriebe, die sich an die Vorschriften halten, hätten nichts zu befürchten. Durch die schwarzen Schafe der Branche würden aber auch sie in schlechtes Licht gerückt.

"Eine lückenlose amtliche Überwachung ist nicht vorgesehen und auch nicht leistbar" Agrarministerium
Im vergangenen Jahr habe es wegen der Corona-Pandemie weniger Kontrollen gegeben, so das Ministerium in seiner Antwort. Mastgeflügel wie Masthühner und Legehennen würden zudem regelmäßig im Rahmen der Schlachttieruntersuchung kontrolliert, was nicht in die Statistik einfließe. Die Kontrollen könnten "im Hinblick auf das Gesamtsystem als grundsätzlich ausreichend" angesehen werden. "Eine lückenlose amtliche Überwachung ist im Rahmen des amtlichen Kontrollsystems nicht vorgesehen und auch nicht leistbar", schreibt das Haus von Agrarminister Peter Hauk (CDU).

Die SPD pocht dennoch auf eine unabhängige "Tierschutzeinheit BW", die Missstände auch bestrafen kann. "Wenn Schweine-haltende Betriebe im Durchschnitt nicht einmal alle zehn Jahre mit einer Kontrolle rechnen müssen, dann sind Zustände, wie wir sie leider immer wieder zur Kenntnis nehmen müssen, programmiert", sagte ihr Tierschutzexperte Jonas Weber. Beim Geflügel sehe es nicht besser aus. "Wenn das die staatlichen Kontrollen sind, darf man sich nicht wundern, wenn Tierschutzaktivisten heimlich und halb-legal Missstände aufdecken und Gerichte ihnen zusprechen, dass sie das dürfen."



Agrarminister Hauk betreibe schlecht verstandene Lobbyarbeit, so die SPD. Der CDU-Politiker geriet durch mehrere Schlachthof-Skandale in die Kritik. Zuletzt sorgten mögliche Tierschutzverstöße eines Schweinemastbetriebs im Alb-Donau-Kreis für Schlagzeilen. Dem Südwestrundfunk wurden Bilder von Aktivisten einer "Soko Tierschutz" zugespielt, die schwer verletzte und sterbende Tiere zeigen sollen.
Haltungsformen für Tiere

In der deutschen Landwirtschaft werden die meisten Nutztiere weiterhin unter umstrittenen Bedingungen gehalten. Das Statistische Bundesamt hat in der Landwirtschaftszählung aber auch Fortschritte beim Tierschutz festgestellt. So ist die Anbindehaltung von Rindern seit 2010 stark um 62 Prozent zurückgegangen. Noch auf etwa jedem zehnten Haltungsplatz - 1,1 Millionen von 11,5 Millionen - sind die Tiere angebunden, so dass sie sich kaum bewegen können. An die Stelle dieser Plätze treten verstärkt sogenannte Laufställe, in denen sich die Rinder freier bewegen können. Sie machten zum Stichtag am 1. März 2020 rund 83 Prozent der Kapazität aus. Nicht einmal jedes dritte Rind (31 Prozent) darf auf der Weide grasen. 2010 waren es noch 37 Prozent. Schweine werden zu 79 Prozent auf Vollspaltenboden gehalten, was nach Ansicht von Veterinärmedizinern und Tierschützern unter anderem zu Gelenkproblemen führen kann. Das war eine Steigerung dieser Haltungsform um zwölf Prozentpunkte innerhalb des beobachteten Zeitraums über zehn Jahre. Vollspaltenböden sind Betonböden mit Spalten, durch die Kot und Urin fallen. In den zunehmend größeren Geflügelfarmen sind die Legehennen weiterhin zu etwa zwei Dritteln (65 Prozent) in Bodenhaltung. Der Anteil der Freilandhaltung hat in den vergangenen zehn Jahren von 17 auf 31 Prozent zugenommen. Nur noch 4 Prozent der Haltungsplätze für Legehennen waren in Käfighaltung vorhanden.