Nachruf

Zum Tod von Scott Walker: Die lange Reise zu sich selbst

Peter Disch

Von Peter Disch

Mo, 25. März 2019 um 10:36 Uhr

Rock & Pop

Von opulenten Pophits wie "The Sun Ain’t Gonna Shine (Anymore)" zur radikal-rätselhaften Kunstmusik: Scott Walker ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Eine Würdigung.

Scott Walker ist tot. Gestorben mit 76 an Krebs. Auf Anfrage schickt seine Plattenfirma Porträtfotos, aufgenommen 2012. Zwei zeigen Walker von hinten, zwei von vorne, aber das Schild der Mütze reicht bis zur Nasenspitze. Nichts zu erkennen. Zwei zeigen ihn von der Seite. Eins ist so krisselig, dass das Profil zur reinen Silhouette wird. Beim sechsten ist wenigstens so viel von der Augenpartie zu erkennen, dass es Walker ein Gesicht gibt.

Die Ästhetik der Bilder passt zu Walker. Je länger seine Karriere dauerte, desto mehr rückte die Musik in den Vordergrund, bis er fast völlig hinter ihr verschwand und von der breiten Öffentlichkeit nicht mehr wahrgenommen wurde.

Das war zu Beginn seiner Laufbahn ganz anders. In den Sechzigern wurde er mit den Walker Brothers zum Star. Brüder waren die drei Pilzköpfe keine. Und Walker stand bei keinem in der Geburtsurkunde. Scotts Eltern hießen Engel, seinen ersten Vornamen Noel unterschlug er. Aber die Walkers hatten Hits, die andere für sie schrieben. Der berühmteste heißt "The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore", eine monumentale, opulent orchestrierte Ode an die Kraft die Liebe, getragen von Walkers majestätischem, schimmerndem Bariton.

1967 war erst mal Schluss. Scott Walker machte allein weiter. Der Amerikaner, der längst in London lebte und 1970 Brite wurde, frönte seiner Liebe zum belgischen Chansonnier Jacques Brel. Er hatte eine eigene Fernsehshow und veröffentlichte in rascher Folge drei Soloalben – zwei erreichten Platz drei, eins die Spitze der englischen Charts.

Im November 1969, Walker war so populär wie nie, erschien "Scott 4". Die Platte war ein Flop. Ob es an der – verglichen mit den Vorgängern – zurückgenommenen Instrumentierung und der weniger dramatischen Inszenierung lag? Oder daran, dass Walker alle Songs selbst geschrieben hatte? Das Publikum jedenfalls wandte sich ab. Und so wurde "Scott 4" zum ersten, noch kleinen Schritt, weg von den Konventionen des Pop, hin zu einer radikal-rätselhaften Kunstmusik.

Auf "Nite Flights", dem 1978 erschienenen Album der wiedervereinten Walker Brothers, wurde der Richtungswechsel offenbar. Scott Walkers "The Electrician" war schon mehr Suite als Song: Das Intro und Outro ein unheilvolles, karges Synthesizermotiv, das in einen Rockbeat übergeht, zu dem Walker singt, bevor dann Flamencogitarren, Streichorchester und Harfen einsetzen – dass dieser sechsminütige Soundtrack die Geschichte eines Folterknechts der CIA untermalt, passt nur ins Gesamtbild einer Musik, die in der Folge immer unbehaglicher, dunkler und exzentrischer werden sollte und sich inhaltlich oft menschlichen Abgründen und Untiefen zuwandte.

Zwischen 1984 und 2012 veröffentliche Walker nur vier eigene Alben. Songstrukturen und Melodien waren nicht mehr wichtig. Das Spiel mit Gegensätzen, perkussiven Elementen, Lärm und Sounds, sägenden Gitarren und tranceartigen instrumentellen Passagen stand im Vordergrund. Walker wählte einen experimentellen Ansatz, der Art- und Industrial-Rock, Ambientklänge und sinfonische, opernhafte und theatrale Passagen verband. Es war die freie Musik eines befreiten Geistes, die erst möglich wurde, nachdem sich Walker der als Last empfundenen Popularität entledigt hatte.

Dass Walker zwischen der Veröffentlichung seiner Platten jahrelang abtauchte, trug zu seinem Mythos und seiner geisterhaften Aura bei. Beeinflusst hat er so ziemlich jeden, der die Grenzen von Rock und Pop ausdehnen oder auf bisher unerforschtes Terrain vordringen wollte, ein Faible für Grandezza hatte und als Sänger gerne in Rollen schlüpfte. David Bowie, Nick Cave, Radiohead und viele mehr hätten ohne ihn nicht selbst prägende Rollen übernehmen können. Und in homöopathischen Dosen hat so manche Band, zum Beispiel der New-Wave-Ära, Sprengsel seines Stils oder seiner Stücke verwendet, um vom Rand in die Mitte rücken zu können. Walker hat den umgekehrten Weg gewählt. Erfolg ist eben immer eine Frage der Perspektive.