Zum Tod des Schriftstellers Ludwig Fels

Sein Herz gehörte den Verlierern

Katrin Hillgruber

Von Katrin Hillgruber

Mo, 11. Januar 2021 um 19:32 Uhr

Literatur & Vorträge

Sein Roman "Mondbeben" ist sein Vermächtnis geworden: Der Schriftsteller Ludwig Fels ist im Alter von 74 Jahren in Wien gestorben. Seine Sympathie galt den Verlierern, seine Hoffnung der Liebe.

Am gestrigen Montag ist der aus Franken stammende Schriftsteller Ludwig Fels nach schwerer Krankheit in seiner Wahlheimat Wien gestorben. Er wurde 74 Jahre alt. Im Grunde schrieb Fels von Anfang an über jenes Unding namens Liebe, das einem seiner bedeutendsten Romane den Titel gab. 1983 erschien "Ein Unding der Liebe", die Lebensgeschichte des Georg Bleistein. Der junge Mann aus Franken trägt das Schwere schon im Namen. Seinen unbändigen Hunger nach Liebe stillt er am Esstisch, überwacht von Großmutter und Tante. Sie haben Georgs Mutter wegen ihres freizügigen Lebenswandels verstoßen. Georg macht sich auf die Suche nach ihr, aus maßlosem Essen erwächst unbändiger Hass. "Ein Unding der Liebe" endet mit dem dunklen Satz: "Die Erde war der fernste Stern". Fels’ jüngster, jetzt zum Vermächtnis gewordene Roman "Mondbeben" wirkt wie ein spätes Echo darauf.

Bereits der frühe unglückliche Held Georg Bleistein wünscht sich einen Bungalow auf einer Südseeinsel und ein Bett aus Palmblättern. Diese exotische Sehnsucht hat der Autor seinen Figuren aus "Mondbeben" erfüllt: Helen, die einen Onkel beerbt hat, fliegt mit ihrem Mann Olav Ostrander in die Tropen. Auf einer Insel namens Zifere haben sie ein Haus gekauft, das sie nur aus dem Internet kennen. Der Autor hat diese "Insel der Inseln" aus verschiedenen Weltgegenden konstruiert und über internationale Finanztransaktionen recherchiert. Bis die Formalitäten abgewickelt sind, logiert das Paar im Hotel "Rosemilk". Das klingt nach Orson Welles’ geheimnisumwittertem Codewort "Rosebud". Der Roman erzählt aus der Perspektive von Olav. Vor den Hotelgästen versucht er, seine Alkoholsucht zu verbergen, vor seiner Gefährtin, dass er an einer ernsten urologischen Krankheit leidet. Er ist fest entschlossen, Träume und keine Krankheiten mit sich herumzutragen. Der ehemalige Inkassoeintreiber hat Helen vor ihrem schlagenden Ex-Mann gerettet. Es handelt sich um die klassische, häufig erotisch besetzte Rettungssituation, allerdings in einer gewalttätigen Variante. Dabei beeindruckt Olavs Wille, Helen allen Widrigkeiten zum Trotz zu lieben: "Wir probieren es einfach, dachte er. Wenn man etwas zu zweit probiert, hat man vielleicht mehr Glück. Weil einer von beiden muss es ja haben, das Glück."

Das unbedingte, geradezu blinde Glücksstreben des europäischen Paares steht im Widerspruch zur Wirklichkeit einer ehemaligen Kolonie: Das Leben auf Zifere Island ist von politischen Unruhen, Armut, Korruption und Gewalt geprägt. Fels vollbringt das Kunststück, das drohende Unheil mit paradoxen Vorzeichen einzuläuten: ziehenden Wolken und spielenden Äffchen rund um den Pool. Später werden die heiteren Bilder durch Todesmetaphern abgelöst: "Ein Gefühl, als würde man sich Tsunamis im Paradies vorstellen. Gott schwimmt vorbei und klammert sich an die Arche. Auch so ein Bild, das man nicht beim Sterben braucht."

Als die nichtsahnende Helen von einer Hotelprostituierten attackiert wird, die ihr mit einem Stöckelschuh fast das Auge ausschlägt, nimmt das Unglück seinen Lauf. Ludwig Fels verfügte über die Gabe, Gefühle wie Wut, Sehnsucht und Schmerz so intensiv zu vermengen, bis am Schluss ein trauriges Skandalon herauskam. Er schrieb ohne Scheu vor Sentimentalität und biblischen Anklängen – Olav erinnert zunehmend an den leidgeprüften Hiob. Bei einem Interview in seiner idyllischen Wiener Dachwohnung sagte Fels im April: "Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich immer noch einen Glauben an eine höhere Macht habe, die man so allgemein Gott nennt. Daher mag es rühren, dass ich empfänglich bin für solche Bilder, Metaphern und biblischen Geschichten."

"Manche haben Angst vor mir und meinen Büchern", konstatierte er vor einem seiner farbenfrohen modernen Gemälde. Im allzuoft blutleeren und zauderhaften deutschsprachigen Literaturbetrieb nahm er eine Sonderstellung ein. Am 27. November 1946 in Treuchtlingen geboren, kam der ehemalige Packer, Maler und Hilfsarbeiter 1973 über den Werkkreis Literatur der Arbeitswelt zum Schreiben und veröffentlichte seinen ersten Gedichtband "Anläufe". Die eigenartige Schönheit und Feierlichkeit von Fels’ Prosa und Lyrik schließe jede Beliebigkeit aus, befand 2004 die Jury des Wolfgang-Koeppen-Preises.

Beharrlich nahm er die Perspektive der Verlierer ein: "Soviel hatten sie verstanden, dass die Liebe der Trost der Armen war", heißt es in "Mondbeben". Auch das Verhältnis zwischen sogenannter Erster und Dritter Welt beschäftigte den Autor und Afrika-Freund. In Romanen wie "Rosen für Afrika" (kongenial vom frühverstorbenen iranischen Regisseur Sohrab Shahid Saless verfilmt), "Mister Joe" oder "Die Hottentottenwerft" bewies Ludwig Fels einen untrüglichen Sinn für soziale Ungerechtigkeiten und Ausbeutung aller Art. Der einstige literarische Bürgerschreck verlieh den stummen leidenden Wesen, seien es Kinder oder Tiere, seine imposante, zuweilen erschütternde Wortmächtigkeit. Sie wird schmerzlich fehlen.

Ludwig Fels: Mondbeben. Roman. Verlag Jung & Jung, Salzburg/Wien 2020. 313 Seiten, 24 Euro.