Den Körper neu erfahren

Dieter Maurer

Von Dieter Maurer

Fr, 22. Februar 2019

Sonstige Sportarten

Senioren trainieren in Hinterzarten Karate – das ist gut für Körper und Geist, belegt eine Studie.

KARATE. In Japan zählen sie zu den höheren Dan-Trägern, im deutschsprachigen Raum sind Jukuren – übersetzt "Erfahrene" – Späteinsteiger in den Karatesport. Sie streben nicht nach Wettkämpfen und Siegen, sondern nach Wohlbefinden, Gesundheit und Entspannung. Doch ist das alles in einer Kampfsportart, die vor allem durch Schlag-, Stoß-, Tritt-, Block- und Fußfegetechniken sowie Hebel und Würfen, ja sogar Würgegriffen und Nervenpunkttechniken charakterisiert wird, überhaupt möglich? "Ja natürlich," sagt Sabine Bruhn von der Dojo Kuroda Hinterzarten: "Man muss zwischen Kampfsport und Karatekunst unterscheiden. Unsere Übungen haben nichts mit Kung-Fu oder anderen martialischen Darstellungen zu tun."

Erstmals in der 30-jährigen Geschichte bietet Kuroda Hinterzarten Anfängertraining für Erwachsene an. Im Mittelpunkt steht die asiatische Sichtweise dieser Sportart: "Karate in seiner Ganzheitlichkeit und Philosophie kennenzulernen und dadurch die eigene Vitalität, Energie und Beweglichkeit zu verbessern, das sind unsere Ziele", sagt Sabine Bruhn. Bei dreimal kostenlosem Schnuppertraining sollen die Anfänger "ihren Körper neu erleben und mehr über Vitalpunkte, Meridiane und Faszien erfahren", ergänzt Vater Klaus Bruhn. Wer dabei bleiben möchte, muss Mitglied werden.

Sabine Bruhn aus Rudenberg, ausgebildete Sozialarbeiterin und Mutter von zweieinhalbjährigen Zwillingen, betreibt seit ihrem achten Lebensjahr Karate: "Mein Vater hat einen Kinderkurs der Kuroda in Hinterzarten gesehen und gemeint, das wäre doch was für uns." Dann "bekam er wohl kalte Füße und hat mich allein vorgeschickt. Ich war sofort begeistert." Schon beim zweiten Training stand der Vater ebenfalls auf der Matte. Inzwischen hat das Vater-Tochter-Duo nahezu alle Gürtelprüfungen gemeinsam bestanden. Beide besitzen aktuell den ersten Dan (Schwarzgurt). Beide haben profitiert: "Es ist mehr als Sport. Ich musste Karate zwar noch nie anwenden, profitiere aber jeden Tag davon. Ich fühle mich gesund, bin psychisch und physisch stark," so die 28-jährige Sabine Bruhn über ihre Erfahrungen. Ähnlich ergeht es ihrem Vater. Der 61-jährige Kraftfahrzeugmeister litt oft unter Rückenschmerzen: "Seit ich Karate betreibe, habe ich keine Probleme mehr. Ich habe viel über meinen Körper gelernt."

Karate ist für Körper und Geist "ein Jungbrunnen"

Als der Deutsche Karateverband einen Lehrgang "Vital-Karate für Senioren" ausschrieb, nahmen Tochter und Vater teil. Der Kurs basierte auf Untersuchungen in Bayern. Ein Forscherteam um Professorin Petra Jansen vom Institut für Sportwissenschaft und der Ärztin Katharina Dahmen-Zimmer vom Institut der Universität Regensburg hatten bei einer Studie mit 48 Personen im Alter von 67 bis 93 Jahren herausgefunden, dass Karate bei Frauen und Männern zu einer Verbesserung der körperlichen Gesundheit sowie positiven Veränderungen der kognitiven und motorischen Leistungsfähigkeit führt. Sport sei sowohl für den Geist als auch den Körper ein "echter Jungbrunnen". Das Forscherteam wies nach, dass Karate-Senioren "weitaus weniger mit depressiven Stimmungen kämpfen als der Durchschnitt der Gleichaltrigen."

Die Lebenserwartung der Menschen steigt. Noch mehr als ein langes Leben wünschen sich die meisten Gesundheit auch im hohen Alter. Im Laufe der Jahre lässt die Leistungsfähigkeit in vielen Bereichen jedoch kontinuierlich nach. Dem kann ein abgestimmtes Karatetraining vorbeugen und entgegenwirken. Zudem stimuliere es die inneren Organe, verbessere Kreislauf, Atmung und Verdauung. Es sei auch ein optimales Gehirnjogging. Diese Erkenntnisse bilden die Basis für das jeweils mittwochs um 19 Uhr in der Sporthalle Hinterzarten beginnende Training für Anfänger. Ein Einstieg ist jederzeit möglich. An diesem Abend kann Sensei Sabine fünf Frauen und einen Mann begrüßen. Meister und Schüler begeben sich zueinander gewandt in den Kniesitz (Seiza). Es ist ein Moment der Stille, das sogenannte Mokuso. In dieser Zeitspanne soll sich der Karateka freimachen von allem Weltlichen, allen Ängsten und Problemen des täglichen Lebens und seine Konzentration ganz auf das Karate-Do richten. Es folgt die gegenseitige höfliche Begrüßung ("Rei"). Mit "Hajime" starten die Übungen, "Yame" beendet sie.

Barfuß oder in Socken absolvieren die Teilnehmer das Aufwärmprogramm mit einigen Laufrunden. Jeweils 45 Sekunden dauern Übungen mit Hanteln, Schwingstäben und Sprungseilen. Auch Situps sowie Liegestützen und Dehnübungen zählen dazu. "Zur Grundschule, japanisch Kihon, gehört, Spannung im ganzen Körper aufzubauen," informiert Sensei Sabine. "Kata" ist die Form und stellt einen festgelegten Ablauf verschiedenster Einzeltechniken dar. Alle traditionellen Kampfkünste basieren auf diesen Formen. Anwendungen am Partner heißen "Kata Bunkai". "Kumite" sind Kampfübungen mit festgelegten Techniken oder für geübte Karatekas im freien Kampf. Sabine Bruhn zählt beim Zirkeltraining immer wieder von "Ichi" (Eins) bis "Ju" (Zehn). Dann beginnt ein neuer Abschnitt.

"Es gefällt uns sehr gut. Wir wollen weitermachen."

Die Teilnehmer sind begeistert. Für den einzigen Mann Waldemar Seifert (63) "ist es der reine Zufall, dass ich hier gelandet bin. Eigentlich wollte ich zum gleichzeitig stattfindenden Volleyball. Aber es war niemand da. Die Karatekas haben mich zum Mitmachen eingeladen. Es gefällt mir so gut, dass ich dabei bleibe." Dies gilt auch für Anita Fiedler (64) und Irmlind Tilly (63) aus Wolterdingen: "Das Training ist gut für das Gleichgewicht." Dass sich Irmlind Tilly für Karate interessiert, ist kein Wunder, schließlich ist ihr Sohn Benjamin Bruhn Vizepräsident der Kuroda. Auch Sarah Ruf (Titisee) und Katharina Winterhalder (Rudenberg) sind überzeugt: "Es gefällt uns sehr gut. Wir wollen auf jeden Fall weitermachen."