REINLESEN

David Weigend

Von David Weigend

Fr, 16. Oktober 2020

Sonstige Sportarten

Wenn Kampfsport in rechte Gewalt abdriftet

"Ein deutscher Mann, der keinen Kampfsport betreibt, ist kein Patriot." Dieser Satz aus einem Chatverkehr zweier Angeklagter findet sich in einer Ermittlungsakte gegen Nazis, denen ein Brandanschlag auf eine Migrantenfamilie vorgeworfen wurde. Kein Einzelfall, wie man nach der Lektüre von Robert Claus’ "Ihr Kampf" feststellt. Der Hooligan-Experte beleuchtet die Funktion des Kampfsports bei Rechtsextremisten. Für die Recherche besuchte er viele "Fight Nights" in Deutschland und Europa. Seine Beobachtung: Die extreme Rechte hat sich im Dunstkreis der "Mixed Martial Arts" (MMA) professionalisiert und ist zu einem schlagkräftigen, paneuropäischen Netzwerk verschmolzen. Natürlich wäre es töricht, die MMA-Szene unter rechten Generalverdacht zu stellen, aber nicht nur Claus’ eindrückliche Beschreibung der Prügel-Gala "Kampf der Nibelungen" in Ostritz (Sachsen) entlarvt den unverhohlen politischen Charakter des Sportevents mit seinen 850 Kämpfern und Zuschauern. Schon in der Einladung 2018 hieß es: "Kommt mit anderen Sportlern in Kontakt und animiert euch und andere dazu, dem System der Heuchler und Versager den Rücken zu kehren." Die Einlassungen der auftretenden Kämpfer zeigen, dass sie dies schon längst getan haben. Es geht um Homophobie, Fremdenhass und das Recht des Stärkeren. Im Ring trainieren sie für den Umsturz der demokratischen Ordnung, aus bierseligen Neonazischlägern sollen elitäre Kampfsportsoldaten geformt werden. "Ihr Kampf" gibt Einblicke in diese Szene, in der Prügelburschen diverser Milieus mitmischen: Leute aus der Sicherheitsbranche, Angehörige der Rockerszene und (ehemalige) Mitglieder der Gruppe "HooNaRa" (Hooligans Nazis Rassisten). Die Gastbeiträge mit ihren originären Schilderungen aus Italien, Polen und Russland runden das Buch ab und machen es so informativ wie besorgniserregend.

Robert Claus: Ihr Kampf, Verlag Die Werkstatt, Bielefeld. 224 Seiten, 19,90 €.