Eishockey

Der große Abend der Wölfe

Toni Nachbar

Von Toni Nachbar

Mi, 27. November 2019 um 19:30 Uhr

EHC Freiburg

Die Kassel Huskies kamen als DEL-2-Spitzenreiter nach Freiburg und wollten unbedingt gewinnen. Dies forderte den EHC Freiburg zu einer tollen Leistung heraus, die EHC-Coach Peter Russell beglückte.

Über Eishockey lässt sich trefflich streiten. Und schon gar über das Niveau eines Spiels. Als sich am Dienstagabend die Freiburger Wölfe nach dem Sieg im Penaltyschießen gegen den EC Kassel Huskies von den Fans Minuten lang feiern ließen, sagte eine begeisternd klatschende Zuschauerin: "Dieser Sieg ist so toll, vor allem, weil der Gegner so stark war."

Minuten später im Pressekonferenzraum der Echte-Helden-Arena fand der Kasseler Trainer Tim Kehler jedoch keine lobenden Worte für seine Huskies: "Wir haben heute zu viele Fehler gemacht und uns eine Menge Puckverluste in der neutralen Zone geleistet." Die andere Sicht der Dinge.

An der Kaffeetheke im VIP-Raum des Eisstadions stand zu gleicher Zeit ein langjähriger EHC-Berichterstatter und Eishockey-Experte und analysierte: "Dies war sehr hohes Tempo, doch spielerisch hat man schon Besseres gesehen."

Dann ergriff in der Pressekonferenz EHC-Trainer Peter Russell das Wort und lobte zuerst die Kassel Huskies. Denn sie hatten sein Team vor zahlreiche Probleme gestellt und mehrfach in kritische Situationen gebracht. Es gab für die Wölfe den frühen Rückstand durch den Kasseler Topscorer Justin Kirsch, den Scott Allen egalisierte. Noch schwieriger wurde es für den EHC, als Gäste-Stürmer Alexander Karachun unmittelbar nach Beginn des zweiten Drittels das zwischenzeitliche 2:2 markierte und der EHC für eine längere Phase viel Abwehrarbeit verrichten musste. Die Freiburger antworteten mit rasanten Kontern und führten 4:2. Doch auch diesen Vorsprung holten die Huskies auf. In der Verlängerung vergaben die EHC-Stürmer Cam Spiro und Luke Pither Riesenchancen, und als nur noch ein paar Sekunden in der Overtime zu spielen waren, rasten zwei Kasseler auf das Freiburger Tor zu, denen nur noch ein müder Nikolas Linsenmaier im Wege stand. Und ein großartiger Ben Meisner im Tor, der den Match-Puck des Gegners wie so viele Schüsse davor entschärfte.

Die Angriffsreihen durcheinander gewirbelt

Nachdem dies alles aufgelistet ist, kann das Wesentliche kommen: Der EHC hat einen großartigen Sieg errungen, weil, so Russell, "alle vier Reihen hervorragend gearbeitet haben." "Alle vier Reihen" heißt, der EHC im Spätherbst 2019 ist mehr als nur die Nordamerikaner Luke Pither und Cam Spiro, die gegen Kassel, wie schon in Crimmitschau, gar nicht mehr in derselben Reihe spielten. Der Wölfe-Sturm ist auch mehr als nur die gut harmonierenden Langzeit-Kumpels des Freiburger Kufensports, Nikolas Linsenmaier und Chris Billich, die mit Scott Allen ein spektakuläres Angriffstrio bildeten, das nun ebenfalls auseinandergerissen ist. Warum eigentlich? "Weil wir offensiv was tun mussten", so die knappe Antwort des sportlichen Leiters, Daniel Heinrizi.

Worüber sich Trainer Russell am Dienstag sehr freute, ist die offensichtliche Vermehrung seiner Leistungsträger. Selbstverständlich sind Spiro, Allen, Pither, Linsenmaier und Billich unheimlich wichtig für die Wölfe, doch dahinter ist Bewegung: Neuzugang Jake Ustorf zeigt gute Ansätze, der veranlagte Gregory Saakyan verspricht, wertvoller zu werden, Tobias Kunz zu alter Form zurückzufinden.

Und "alle vier Reihen" meint auch drei Verteidigerpaare, die sich im Kassel-Match auszeichneten: Nick Pageau und Alexander Brückmann als Antreiber, Patrick Kurz, Peter Spornberger und Philip Rießle als große Kämpfer, der junge Marvin Neher als wichtiger Torschütze.

Und hinter "allen vier Reihen" stand Torhüter Meisner, der keine Zeit zum Durchatmen bekam, weil das Spiel keinen Durchhänger hatte, und nach 65 Minuten Kärrnerarbeit noch so cool war, drei Penalty-Läufe zu meistern.

Gegen Kassel betrieben die Wölfe tolle Werbung für ihren Sport, man muss fast bedauern, dass nur knapp mehr als 2000 Zuschauer im Stadion waren. Und man muss ehrlich einräumen, dass es unmöglich ist, an jedem der 52 DEL-2-Spieltage derart gute Kost serviert zu bekommen. Dies beweisen derzeit auch die Kassel Huskies, die als Tabellenführer in Freiburg ihre dritte Niederlage in Folge einsteckten. Frustriert donnerte deshalb einer ihrer Spieler nach dem Match seine Sporttasche in den Mannschaftsbus und knurrte: "War das ein sch … Spiel."