Ohne Netz und doppelten Boden

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

Fr, 27. März 2020

Frauenfussball

Bundesligist SC Sand kann keine Planungen vornehmen. Gros des Kaders ist in die Heimat abgereist.

WILLSTÄTT-SAND. Die Bundesliga-Fußballerinnen des SC Sand befinden sich im Stadium doppelter Unwissenheit: Es ist nicht noch nicht entschieden, wie die aktuelle Saison zu Ende gespielt wird. Und auch Planungen für die kommende Spielzeit sind derzeit kaum möglich.

Manchmal findet die Mundart die beste Ausdrucksform. Gerade einmal drei Monate weilt der Sander Trainer Sven Thoß im Hanauerland. Und doch hat er mit seiner Potsdamer Schnauze bereits für den einen oder anderen Schmunzler gesorgt. Nach einer kurzen Stippvisite bei den Eltern vergangene Woche, ist der 53-Jährige mittlerweile wieder in Sand und sagt: "Det is für alle gleich verrückt, wa."
Für Thoß ist die ganze Situation etwas surreal. In den letzten Monaten haben sich die Ereignisse überschlagen. Ursprünglich hatte der Übungsleiter eigentlich erst für die kommende Saison beim Bundesligisten aus dem Hanauerland unterschrieben. Dann aber verließ Ex-Trainer Sascha Glass den Club doch schon zur Winterpause. Und Thoß sprang ein.

Die Vorbereitung lief holprig. Es hagelte Testspiel-Niederlagen. Auch die ersten beiden Pflichtspiele gingen verloren. Vor drei Wochen dann der erste Sieg im wichtigen Duell gegen den Konkurrenten Bayer Leverkusen. "Seit dem war das Thema Abstieg eigentlich durch", sagt Geschäftsstellenleiterin Claudia von Lanken, die den SCS nach dem Ende der Saison verlässt. Seit dem steht aber auch der Spielbetrieb still. Und Thoß und seine Spielerinnen wissen nicht, wie es weitergeht. "Man kann gar nicht planen", sagt Thoß. Weder die aktuelle Spielzeit, noch die neue Runde. Ob die aktuelle Runde noch zu Ende gespielt wird? "Ich habe da meine Zweifel", gesteht der Trainer. Mittlerweile ist das Gros des Kaders in die Heimat gereist.

Einzig die Irin Diane Caldwell und die Serbin Dina Blagojevic sind in Willstätt geblieben. Wie ihre Kolleginnen trainieren sie zuhause. "Sie haben individuelle Lauf- und Stabipläne bekommen." Für den Fall, dass die Saison wider Erwarten doch noch zu Ende gespielt wird. Athletiktrainer Timm Weiner überprüft per Skype, Whatsapp und SMS, ob die Fußballerinnen ihr Soll erfüllen. Die Spielerinnen schicken Kopien ihrer Puls-Uhr oder Beweisfotos. Not macht erfinderisch. Und was machen Trainer Thoß und Managerin von Lanken? "Wir haben vom Verein die Info bekommen, dass man sich Gedanken über Kurzarbeit macht, so wie in vielen anderen Bereichen auch", sagt die Geschäftsstellenleiterin.

Noch aber steht nichts fest. Von Lanken versichert aber: "Wir werden die Phase auch finanziell überstehen, aber klar ist, dass auch unsere Sponsoren jetzt eine schwere Zeit haben und nun selbst in der Luft hängen." Das ohnehin schmale Budget der Sanderinnen dürfte das auf eine schwere Belastungsprobe stellen.

Weitreichende Planungen fallen daher derzeit schwer. "Normalerweise ist man im April mit der Planung bereits fast fertig", sagt von Lanken. Thoß sichtet aktuell Videomaterial von potentiellen Neuzugängen und schaut sich nach Verstärkungen um. Probetrainings können aber nicht stattfinden. Die Hälfte der Verträge läuft im Sommer aus. Ein Umbruch wird sich vermutlich nicht vermeiden lassen. So war es in Sand schon oft.

Trotzdem hat der Club mit einem der kleinsten Etats der Liga immer wieder für Furore gesorgt. Zweimal ist der Verein bereits ins DFB-Pokalfinale eingezogen. Etwas Positives habe die Zwangspause dann aber doch, schmunzelt der Trainer: Thoß ist endlich dazu gekommen, mit seinem Cabrio die Schwarzwald-Hochstraße abzufahren.

"Das wollte ich ja schon die ganze Zeit machen." Leer war’s auf den Straßen. "Aber sehr schön", sagt der Potsdamer. Er hofft, dass es bald wieder der Fußball ist, der ihm solche Freude bereitet.